Killing me softly

Wenn Du wüsstest. Wenn Du wüsstest, was Du mir abforderst. Ein scheinbar harmloses Stöckchen wirfst Du mir zu. Zehn Songs will Du von mir wissen, meine zehn Songs. Als könnte ich die mal eben so nennen. Als hätte Musik in meinem Leben je eine Rolle spielen dürfen. Musik und ich, wir wurden getrennt, als ich noch Kind war. Wir passen nicht zusammen, hieß es damals. Meine Grundschullehrerin setzte mich während des Musikunterrichts in die hinterste Reihe, dorthin, wo die anderen Brummer saßen. Brummer waren die, die nicht singen konnten. Musik wurde uns verboten. Wir durften nie mitmachen. Nicht mal Tamborin oder Triangel. Der einzige Trost: ich war nicht allein in der hintersten Reihe. Wir kamen uns dennoch ausgestoßen vor. Vorne sangen die feinen Mädchenstimmen noch feinere Volkslieder. Manchmal mussten wir zum Vergleich singen. Direkt nachdem die Engelsstimmen der vorderern Reihen verstummt waren, rief die Lehrerin: “Und jetzt mal die Brummer.” Dann setzte ein so furchteinflößendes Gebrumme in der hintersten Reihe ein, dass die Engelchen in den vordersten Reihen sich nicht mehr halten konnten vor Lachen. Das war Musikunterricht in der Grundschule. Vier Jahre lang die gleich Lehrerin. Vier Jahre lang wurde ich ausgelacht.
Dann war ich ein Teenie. Neue Schule. Neue Lehrerin. Bei der durfte ich Triangel spielen. Da wollte ich aber nicht mehr. Ich setzte mich freiwillig in die hinterste Reihe und störte ständig den Unterricht. Mit der Folge, dass ich die meiste Zeit vor der Tür verbringen durfte. Da saß ich dann im Flur. Musik und ich, wir wurden getrennt. Wir gehörten nicht zusammen.
Wenn andere Musik hörten, hörte ich auch Musik. Aber ich hörte immer deren Musik. Nie war es meine. Ich äußerte mich nie über Musik, kannte nie einen Song, nie eine Band oder einen Sänger. Auf die Frage “Was hörst Du so für Musik?”, weiß ich bis heute keine Antwort. Und dann kommst Du, und willst zehn Songs von mir. Zehn Songs, die irgendwie mein Leben begleitet haben.
Es ist ja nicht so, dass da keine Musik war in meinem Leben. Es war voll davon. Immerzu erklang Musik. Ich hab sie aufgesogen wie ein Schwamm, ich hab sie gefühlt, gelitten und geliebt. Die Songs eines Lebens, sie sind noch immer in mir. Irgendwo in diesem See aus ungeweinten Tränen. Tränen, die man aufgehört hat zu weinen, weil sie doch nicht verstanden werden. Aber dann gibt es Musik, die genau diese Tränen weint. Stellvertretend, weil man selbst es nicht kann.
Musik und ich, wir gehörten nicht zusammen. Ich war verliebt, das erste Mal, und hatte keine Ahnung. Keine Ahnung von den Metamorphosen, die man in dieser Zeit erfährt, von den Höhen, den Tiefen, dem Feuer, der Kälte und den unendlich vielen Tönen, aus denen diese Musik besteht. Ich kannte nur Triangel. Er hörte die Stones und Pink Floyd. Ich lernte sehr schnell, dass man nicht immer das bekommt, was man sich wünscht. Doch die Tabletten brachten mich nicht um, die Stille war nur von kurzer Dauer, doch die Mauer in mir wuchs. Wuchs mit jedem Tag Schule, mit jedem Wiedersehen, mit jeder Berührung, mit jeder Party, mit jedem Kuss, den ich einem anderen gab.
Die Nächte wurden länger, ich tanzte bis in die frühen Morgenstunden. Ich tanzte mir die Seele aus dem Leib. Dort, auf der Tanzfläche war ich eins mit der Musik. Dort gehörten wir zusammen. Hätte ich es dir sagen sollen? Du hättest es nicht verstanden. Du hast es nicht verstanden. Ich musste tanzen. Ja, stundenlang. Ich wollte nicht bei dir sein. Ich wollte nicht nach Hause. Du warst nicht mein DJ.
Wieder und wieder geriet ich in den Strudel der Illusionen und war in den jugendlichen Nächten nichts weiter als auf der Suche nach meinem Herzschlag. Ich hörte nicht auf. Hörte nicht auf zu suchen, hörte nicht auf zu tanzen. Meine Jugend war ein Tanz. Anders hätte ich sie nicht ertragen. Anders wäre ich in dem See der ungeweinten Tränen ertrunken. Denn wir wurden getrennt. Immer und immer wieder. Auf die Frage “Was hörst Du für Musik?”, weiß ich bis heute keine Antwort.
Sie tötet mich. Wie dieses Lied, das er für mich schrieb. Es bringt nichts, die Jahre zu verdrängen. Die Schmerzen bleiben. Er schrieb dieses Lied für mich, er hat für mich gesungen. Wir haben zusammen getanzt. Dann hat er gelacht. Von Musik hätte ich keine Ahnung, hat er gesagt. Da saß ich wieder, saß in der letzten Reihe und hörte das Lachen. Ich hörte ihn lachen. Die Mauer in mir hat er nie wieder durchdrungen. Wir hörten nie wieder zusammen Musik. So what.
Was bleibt? Was bleibt ist ein ungeordneter Haufen lauter und leiser Töne und der jugendliche Wunsch, es möge niemals wieder jemand nach meiner Musik fragen. Wir gehören nicht zusammen. Die Musik und ich. Und ich habe gelernt, dass man nicht immer das bekommt, was man sich wünscht.

Es nicht zu versuchen, wäre feige, hat er gesagt: 10 Songs von Stefan Freise.

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Ruhen Sie sich aus

FrauvonWelt kann einfach nicht mehr stillsitzen. Drum verlässt sie ihren Plüschsessel und wandert ein wenig durch die Welt. Wer sich dennoch zwischenzeitlich hierher verirrt, darf gerne Platz nehmen und ein wenig verweilen. Es ist ja mitunter recht anstrengend geworden in diesem Internet und Plätze zum Ausruhen gibt es nur wenige. Bitteschön…

Sie können sich so setzen, wie es für Sie am bequemsten ist. FrauvonWelt lässt gerne die Beine über die Lehne baumeln und schnappt sich ein Buch, wovon ein ganzer Stapel rechts vom Sessel liegt. Das können Sie jetzt nicht sehen, aber seien Sie versichert, er ist da. Wenn Sie eine Kaffee möchten, rufen Sie kurz nach mir. Meistens bin ich nicht weit weg.

Fühlen Sie sich wohl.

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Unausgesprochen

FrauvonWelt sitzt in ihrem rosa Plüschsessel, wippt mit den Füßen und schweigt.

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FrauvonWelt pflügt mit einem Stöckchen das Feld um. Sonntags.

FrauvonWelt hat ein Stöckchen gefangen. Drüben bei den Vollwertskandalen. Keine Ahnung, wie das passieren konnte. Aber da ist es nun, das vielleicht bescheuertste Stöckchen der Bloggeschichte:

1. Wenn du mit dem Wagen an einer Kreuzung stehst und ein Gewitter dir die Sicht versperrt, biegst du dann ab, oder steigst du aus und kaufst im Schreibwarenladen um die Ecke neue Kugelschreiber?
Ich bleibe selbstverständlich sitzen, hole den Handstaubsauger aus dem Handschuhfach und sauge das Saatgut von der Rückbank.

2. Welche Farbe wäre deine Lieblingsfarbe, wenn du ein Wiedehopf wärst?
Gugelhupffarbe.

3. Nach welchen Kriterien pflügst du ein Feld um?
Ist Sonntag, oder ist kein Sonntag? Ich pflüge nämlich nur sonntags. Das allerdings immer so gründlich, dass das Saatgut eher auf der Rückbank meines Autos keimt, als auf dem Feld.

4. Welche Eigenschaften schätzt du an einer Hirschkuh?
Das Filet.

5. Wieviel sind 12×7, wenn man davon ausgeht, dass ein Zwerg immer schläft und ein Bruder nur einen 1,5 Flügel hat?
Acht Zwerge, sieben Bananen und eine Autotür. Richtig, oder?

6. Gegen wie viele Bananen ist eine Erdbeere einzutauschen?
Bananen sind scheiße. Wachsen auch nicht auf meinem Acker.

7. Welche Art von Landschaft hältst du für geeignet?
Ungepflügte Mondlandschaft oder gepflegte Bettlandschaft.

8. Welche Tür ist an einem Auto die wichtigste?
Die wo grün ist. Weil die wo gelb ist, klemmt immer, weil ich da immer mit dem Pflug durch muss. Der passt da aber eigentlich gar nicht wirklich durch, deswegen sind da überall Beulen und nun klemmt die Tür.

9. Welche Staatsform hältst du für die förderlichste bei der Errichtung von gemischten Badehäusern für Menschen, Tiere, Pflanzen und Mineralien.
Es ist Sonntag, ich muss pflügen. Ich kann unmöglich noch ein Badehaus errichten. Das sollen mal die anderen machen! (Beste Staatsform überhaupt.)

10. Würdest du dich überzeugen lassen?
Wenn er gut aussieht.

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Neulich. Die Kunst.

Neulich sah ich sie. Etwas verloren wirkte sie, so als wüsste sie nicht, wo sie hin will. Entmutigt, als hätte sie schon zu lange auf irgendwas gewartet. Sie schlich die wenig belebte Straße entlang, blieb dann und wann stehen, schaute sich um, und ging weiter. Ich sehe sie fast immer hier in dieser Straße. Noch nie habe ich mich getraut sie anzusprechen oder ihr zuzunicken, wie man das so tut, bei Leuten, die man eigentlich nicht kennt, aber ständig sieht. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn sie nicht mehr da wäre, würde ich sie vermissen.

Als Kinder haben wir uns über sie lustig gemacht. Wenn wir auf dem Bordstein saßen oder Steine durch die Gegend kickten, stolzierte sie mit ihren roten Stiefeln, eingehüllt in einen schwarzen Mantel, aus dem Haus, warf uns einen kühlen Blick zu und verschwand hinter der nächsten Häuserecke. Einmal sind wir ihr hinterher gerannt, bis zur Bushaltestelle, haben dumme Sprüche gerufen, dann baute sie sich vor uns auf, öffnete ihren Mantel und zeigte uns, wofür manch einer Höchstpreise zu zahlen bereit war. Wir waren fortan kuriert.

Die nun einsetzende, heimliche Bewunderung wandelte sich mit heranreifender Jugend zu verstecktem Begehren. Sie war der Grund für all meine unruhigen und schlaflosen Nächte. Meine Mutter gab mir Baldrian, mein Vater eines seiner Magazine. Nichts half. Ich sparte jeden Pfennig und machte mich in Gedanken schon auf den Weg zu ihr. Allein – ich bin diesen Weg nie gegangen. Mir fehlte der Mut.

Immer saß ich am Fenster und wartete. Wenn ich sie dann endlich sah, ging es mir keineswegs besser. Ihr Anblick bereitete mir Schmerzen. Sie brachte mich körperlich und emotional in einen äußerst bedenklichen Zustand. Ich wurde krank.

Die Genesung dauerte lange. Irgendwann fand ich mich damit ab, dass sie unerreichbar war. Es genügte mir, sie dann und wann die Straße entlang schreiten zu sehen. Ich verlor mich in Träumereien, tauchte ein in eine Welt fern jener fahlen Wirklichkeit. Um meine billigen Bedürfnisse zu befriedigen, fand ich Ersatz. Sie jedoch war mir teuer. Sie geisterte durch meinen Kopf. War mir ewiges Geheimnis. Sie änderte ihre Gesichter, ihre Kleidung, ihre Schuhe.

Mein bester Freund war mutiger. Er war bei ihr. Als er zurückkam, sagte er nur, er habe mehr erwartet. Ja, man erwartet immer eine Offenbarung.

Neulich sah ich sie. Ich weiß, die glänzenden Spuren, die ich noch an ihr zu entdecken glaube, sind nur die trügerischen Fährten meiner Erinnerung. Ihre Schuhe sind abgelaufen, ihre Kleider getragen, ihr Gesicht verlebt, die Augen umrändert, der Mund trocken. Sie ist eine traurige Gestalt. Alles an ihr ist so vertraut, ist wie ein Teil von mir. Manchmal frage ich mich, was wäre, wenn ich damals mutiger und bei ihr gewesen wäre. Es hätte alles zerstört. Fast schäme ich mich für mein jugendliches Verlangen. Heute schaue ich ihr mit stillem Blicke hinter her und frage mich noch immer, nach wem sie sich umschaut, wenn sie so verstohlen ihren Kopf wendet und den Blick in ihre verlorenen Augen frei gibt. Seit so vielen Jahren.

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