Kleine Schritte bei denen die Welt den Atem anhielt, ob sie denn auch gelängen. Erste Worte, bei denen die Welt schwieg, damit keines verloren gehe.
Schweigen, Zuhören, Hinschauen – und wir alle können wachsen.

Kleine Schritte bei denen die Welt den Atem anhielt, ob sie denn auch gelängen. Erste Worte, bei denen die Welt schwieg, damit keines verloren gehe.
Schweigen, Zuhören, Hinschauen – und wir alle können wachsen.

… wenn man denkt, denkt FrauvonWelt und streicht kurzentschlossen alle Wände lila.
Fragt der Vater. Warum soll ich denn nicht da sein? Bin doch immer da? Mit einem “Dann ist ja gut.” verlässt er das FrauvonWeltsche Büro. Erst später wird der Putz von der Gehirndecke rieseln. Später, als der Mitarbeiter ganz offen fragt, ob man denn heute oder morgen Geburtstag habe.
Herrje, mein Geburtstag. Morgen schon. Es möge zumindest die trösten, deren Geburtstag ich regelmäßig vergesse. Ja, ich vergesse auch meinen eigenen. Warum auch nicht. Es liegt ja so ein melancholischer Schleim auf diesem Tag, worin man getrieben von Höflichkeitsgratulanten und Verlegenheitsschenkern Stunden um Stunden herum wabert bis es dann endlich vorbei ist, und man nur noch die Nachträglichkeitsheinis ertragen muss.
Schon lange hab ich aufgehört, das Besondere dieser Tage zu suchen. Man kann doch gar nichts dafür, für diesen Tag. Und die Eltern doch auch nicht, die haben sich den Tag ja nicht ausgesucht. Das ist doch einfach so passiert. Und man muss mir doch nicht für etwas gratulieren, was einfach so passiert ist. Es gäbe genug andere Dinge, für die man mir gratulieren könnte, ja müsste. An solchen Tagen sitze ich dann oft alleine da und denke: “Ja, FrauvonWelt, das hast Du ziemlich gut gemeistert, ich gratuliere Dir.”
Nein, das denke ich natürlich nicht. Das wäre albern. Ich denke vielmehr: Ja, FrauvonWelt, das hast Du ziemlich gut hin gekriegt, warum gratuliert Dir eigentlich keiner?” Gratulationen als Radiergummi für Selbstzweifel also? Diese ewige Ding mit der Bestätigung.
Zurück zum Geburtstag, Ihr Radiergummis meiner Selbstzweifel. Ich hege keine Zweifel daran, dass ich geboren wurde. Ich hege auch gar keine Zweifel an meinem Alter. Ich bin geboren und es war parallel mit Weihnachten das erste Datum, das ich mir merken konnte. Seelig die, bei denen die Daten übereinstimmen. Für meine Geburt kann ich nichts, für’s Älterwerden auch nicht unbedingt. Vielleicht habe ich hier und da dazu beigetragen, dass sich der Prozess etwas schneller vollzieht als von der Natur vorgesehen. Kann sein, kann nicht sein. Ich lebe also und kann nichts dafür. Keiner wird mir ja wohl ernsthaft dazu gratulieren wollen, dass ich bisher diesem Leben kein Ende gesetzt habe. Wozu also gratulieren? Warum zum Geburtstag?
Weil ich bestätigt haben muss, dass ich ein guter Mensch bin. Wenigstens ein bisschen. Ich kann mir das nicht ständig selbst einreden. Ich bin da sehr kritisch meinem eigenen Urteil gegenüber. Ich kann mich allerdings auch gnadenlos selbst belügen. Über Jahre. Dann ist es gut, wenn zuweilen jemand an mein Hirn klopft, mir nen Spiegel vorhält und sagt: “Guck ma, so sieht’s nämlich aus.” Feedback sozusagen. Feedback auf die eigenen Selbstbetrachtungen.
Gratulationen sind auch so etwas wie feedback. Wer gratuliert sagt: “Bist schon in Ordnung.” Wer nicht gratuliert sagt: “Nee, mit Dir stimmt was nicht.”, oder er beachtet Geburtstage einfach nicht, entweder weil er so ein feedback auch an 364 anderen Tagen im Jahr zu geben im Stande ist, oder weil er einfach nur nen Salzstreuer im Oberstübchen hat durch den alles durchrieselt. Bleibt also schwer einzuschätzen, warum jemand nicht gratuliert. Bleiben wir einfach bei den Gratulanten. Auch das ist eine sehr inhomogene Schar. Da gibt es diese Zufallsgratulanten, die schnappen irgendwo auf, das man Geburtstag hat und schon fallen sie dir um den Hals als hätten sie ein Leben darauf gewartet, dir um den Hals fallen zu können. Höflichkeitsgratulanten erfahren ebenfalls irgendwie nebenbei vom Jubeltag und gratulieren dann auch so – irgendwie nebenbei. Bis hierher nervt es eigentlich nur. Aber es gibt ja auch noch diesen Moment, wo es peinlich wird, wo alles zuviel wird, wo man denkt: “Aufhören! Wen immer ihr hier feiert, das kann unmöglich ich sein.” Dieser Moment ist tagesformabhängig. Manchmal kann man das einigermaßen aushalten, manchmal ist die Grenze schnell erreicht. Jetzt erwische ich mich dabei, wie mich plötzlich der Gedanke durchschleicht, das ist nicht nur tagesformabhängig, das ist sogar altersabhängig. Oha. Haben wir den casus knaxus da vielleicht gefunden? Nein, haben wir nicht. Wir haben auch gar nicht danach gesucht. Wir suchen eigentlich nichts. Wir versuchen irgendwie zu erklären, warum wir Geburtstag haben wollen, aber irgendwie auch nicht. Es ist keine verflixt einfache Sache mit diesem Geburtstag. Und genau deshalb vermag ich wohl seit etlichen Worten nicht auf den Punkt zu kommen. Was ich dennoch sagen wollte: Ja, ich bin morgen da.
Mit einer rasanten Drehung lässt sich FrauvonWelt in ihren Plüschsessel fallen und denkt: Ja, hier gehör ich hin. Doch wie leicht gerät man auf Abwege. Das Leben ist ja generell eher so abwegig. Plötzlich steht einer da und sag HIER ENTLANG! Dann steht woanders wieder jemand und ruft NEIN, HIER ENTLANG! Und so geht es das ganze liebe Leben lang. Wie soll man da die Orientierung behalten?
Also, schön sitzen bleiben im plüschigen Sessel und die Lage betrachten. Wenn dann einer kommt und sagt HIER ENTLANG, dann schmeiß ihm ne Kaffeetasse an den Kopf und sag ihm, er soll selber gehen. Nichts schlimmer als Ratschläge. Aber Du musst doch, aber Du könntest, und das wäre doch gut für Dich. Aufhören! Wenn ich schon nicht selber weiß, was gut für mich ist, woher willst Du das dann wissen? Also halt die Klappe, ich muss nachdenken, oder besser vordenken.
FrauvonWelt hat längst nicht mehr alle Tassen im Schrank. Einige hat sie wieder zusammen geflickt, nach dem sie ihr Ziel erreicht hatten. Die stehen nun als ewige Mahnmale im Schrank. Mahnmale für die Irrwege des Lebens. Fehler, die gemacht wurden, weil man auf andere gehört, sich auf andere verlassen, sich selbst verlassen hat.
Ganz schlimm: seinen Plüschsessel verlassen hat, von dem aus die Welt betrachtet wurde. Und kaum sitzt FrauvonWelt wieder in ihrem Plüschsessel, sieht sie Dinge, die sie ganz aus den Augen verloren hatte: Fliegende Vögel, zentnerschwere Worte, und schöne Erinnerungen. Sitzen bleiben, vordenken, Kaffee trinken. Ja, die Tasse immer griffbereit haben, denn der Nächste kommt bestimmt. Der nächste Volltrottel, der meint, mit diesen ewig gut gemeinten Ratschlägen gefällig sein zu können. Da fliegt sie dann, aber mit Karamba.
Der Blick auf die Scherben möge schmerzen, denn das sind immer noch die bleibendsten Erfahrungen. Aber er möge auch erlösen. Erlösen und den Blick in die richtige Richtung lenken. Und bevor jetzt jemand denkt, FrauvonWelt holt gleich die Teebeutel und die Räucherstäbchen aus der Schublade, der möge schon mal vorsichtshalber den Kopf einziehen.
Frust? Wut? Nein, FrauvonWelt hat weder das eine, noch das andere. Sie schreibt nur gerade ihren Wunschzettel für Weihnachten. Ganz oben auf der Liste: Kaffeetassen.
wie einst Immi und Atta in die Waschküche Tatta.