Der ADAC, die Generali und jede Menge Heckenpinkler

FrauvonWelt rast durch die Welt. A44, Kassel Richtung Dortmund, 30 Kilometer vor Paderborn. Warum ruckelt der Wagen so seltsam? Vertrautes Geräusch, Reifen hinüber. Warnblinklicht an, rechts rüber, der Rastplatz wartet schon. Aussteigen, kurzer Blickkontakt mit dem Reifen: platt. Und nun?
Die zweite Reifenpanne innerhalb von 10 Monaten. Eigentlich sollte FrauvonWelt es ja nun können. Allein, sie traut sich nicht einen Wagen mit Rädern zu fahren, dessen Schrauben sie selbst festgezogen hat. Da muss Manneskraft ran. Auf dem Rastplatz nur Heckenpinkler, einer nach dem anderen, sie halten an, stellen sich an die Hecke (wenn überhaupt), manch einer macht gleich auf den Rasen, keiner jedoch hilft FrauvonWelt. Oma und Opa schauen rüber, beißen in ihr Butterbrot, fahren dann weiter. Der schnieke Herr im Anzug holt sein Taschentuch aus der Hosentasche und wischt sich über die Finger. Der dürfte FrauvonWelts Ersatzreifen sowieso nicht anfassen.

FrauvonWelt wuchtet den Ersatzreifen aus dem Kofferraum. Immerhin. Einige Telefonat in Richtung Paderborn bestätigen, was FrauvonWelt schon immer gewusst hat: In der Not gehen hundert Freunde auf ein Lot.
FrauvonWelt ruft beim ADAC an. Ein netter Herr stellt nett seine Fragen. Und ganz zum Schluss bittet er um die ADAC-Mitgliedsnummer.
“Aber ich bin doch gar kein Mitglied bei Ihnen.”
“Ach, so. Na, das macht gar nichts. Wenn sie Glück haben, kommt gleich der gelbe Engel bei Ihnen vorbei, dann ist der Service kostenlos. Wenn keiner in der Nähe ist, wird jemand beauftragt. Das ist dann aber kostenpflichtig. Ich werde Sie aber auf jeden Fall vorher informieren, was es kostet.”
“Das ist aber schön. Ich bin schon jetzt gespannt.”
“Sie können auch jetzt gleich hier bei mir die ADAC-Mitgliedschaft beantragen.”
“Nee, das geht mir jetzt zu schnell. In Notsituationen mach ich keine Verträge.”
“Okay, das können Sie ja auch gleich noch mit dem Servicemann machen, der gleich vorbei kommt.”
“Ja, okay, ich denk drüber nach. Wie lange muss ich jetzt hier warten.”
“Nicht länger als 60 Minuten.”

FrauvonWelt wartet und betrachtet den mittlerweile leeren Rastplatz. Toll. Immerhin hat es aufgehört zu regnen. Der Trübsinn greift trotzdem um sich und FrauvonWelt. Es klingelt. Der freundliche ADAC-Mensch.
“180 Euro würd es kosten.”
“BITTE WAS?”
“180 Euro. Und dann hab ich Ihnen noch nicht einmal den Sonntagszuschlag berechnet.”
“Ha, das nenn ich mal ein Wort zum Sonntag. Hören Sie, ich kann doch nicht 180 Euro für nen Reifenwechsel bezahlen.”
“Haben Sie denn vielleicht einen Schutzbrief bei Ihrer Versicherung?”
“Was weiß denn ich. Moment ich such mal die Unterlagen. Hier hab ich ne Karte von der GENERALI. Soll ich da mal anrufen?
“Das kann ich auch für Sie tun. Nennen Sie mir mal die Rufnummer.”

FrauvonWelt wartet wieder. Ein junges Pärchen rauscht heran. Er steigt aus und marschiert geradewegs auf die Hecke zu. Sie betrachtet den platten Reifen. Ein kurzer Plausch, dann kommt er zurück. Du, guck mal, die hat nen Platten. Er zuckt nur mit den Achsel. Hab ich noch nie gemacht son Reifenwechsel. Beide steigen ins Auto ein. Sie lächelt verlegen. Viel Glück noch. Ja, danke.

Es klingelt wieder. Der freundliche ADAC-Mensch.
“Ja, Sie haben einen Schutzbrief. Die Versicherung würde auch die Kosten übernehmen.”
“Ja, toll, dann kommen Sie doch endlich her.”
“Nein, das geht nicht. Die Versicherung besteht darauf, dass Sie selbst die Panne melden. Dann würden die jemanden beauftragen, der dann vorbei kommt.”
“Und wahrscheinlich kommt dann erst jemand mit dem Antragsformular, und ich warte hier noch ne Stunde?”
“Ja, das könnte sein. Ich habe denen auch gesagt, dass das doch jetzt Blödsinn sei und sie Hilfe bräuchten.”
“Wissen Sie was guter Mann? Ich versuch das jetzt mal selbst hier. Ich will keine 180 Euro bezahlen, ich will keine Stunde auf dem Rastplatz hier zubringen und ich will auch keine Anträge bei der Versicherung stellen müssen.”
“Ja, und was wollen Sie jetzt machen?”
“Mir selbst helfen. Ich danke für Ihre Mühen. Wenn ich nicht weiter komme, melde ich mich noch mal. Tschüss.”

FrauvonWelt will es wissen, greift zum Wagenheber, legt ihn wieder hin. Am anderen Ende des Rastplatzes steht ein weißer Lieferwagen, zwei Männer, die an irgendetwas rumfuhrwerken, stehen davor. FrauvonWelt kann nicht erkennen, was die Männer da machen, aber eines steht fest: Sie pinkeln nicht in Hecken. FrauvonWelt marschiert los.
“Entschuldigung, können Sie mir wohl helfen?”
“English, please.”, bringt einer der freundlichen aber achselzuckenden Männer hervor.
FrauvonWelt setzt an, stockt, spricht zwei Worte, stockt wieder, zeigt auf den Autoreifen, gestikuliert mit Armen und Beinen. Die Herren haben verstanden und folgen der Lady zum kaputten Reifen. Hätte Michael Schumacher die beiden beim Reifenwechseln gesehen, er hätte sie sofort in sein Team aufgenommen. Unglaublich. Keine drei Minuten hat der Hokuspokus gedauert und der alte Bolide war wieder fahrbereit. FrauvonWelt gab den beiden Herren einen dankbaren Händedruck, stieg in ihr Voiture und rauschte fröhlich winkend von dannen. Und ihr Reifenpannen-Englisch-Vokabular bedarf dringend einer Generalüberholung.

Die Mütze in der Hand des Vaters

FrauvonWelt sitzt in ihrem rosa Plüschsessel und sucht Sinn. In der Blumenvase hinter ihr steckt er nicht, auch nicht in den vielen Weinflaschen, die das Regal zieren, nein, er ist gar nicht im Raum. Der Sinn ist aus.
Heute klopfte die Nachbarin, die taubstumme, hielt einen Zettel ins Haus von ihrer taubstummen Freundin, man möge helfen kommen. Helfen tut man ja gerne, aber muss man denn gleich ein ganzes Gartenhaus aufbauen? Die Uhrzeit stand auch schon auf dem Zettel. 16 Uhr. Ich will kein Gartenhaus zusammen bauen. Nicht um 16 Uhr, nicht um 17 Uhr und auch um keine andere Uhrzeit. Es ist mir egal - das Gartenhaus, die taubstumme Gartenhaushabenwollerin auch. Ich will das nicht. Ich habe Nein gesagt, habe gelogen, wäre nicht da. Man könnte ja auch fragen, ob das überhaupt Sinn ergibt, dass Taubstumme ein Gartenhaus haben. Könnte man, ich tue es nicht. Ich kenn die Antwort.
Manchmal find ich mich schrecklich. Vielleicht bin ich es auch. Vielleicht immer dann, wenn ich den Sinn suche. Den Sinn vom Ganzen. So überhaupt. Ich weiß ja, dass es ihn nicht gibt, und meistens gebe ich mich mit diesem Wissen zufrieden, aber es gibt eben Tage, so wie diesen, da will ich es wirklich wissen, da fange ich an zu zweifeln. Wohl an mir.
Und wenn die zauberhafte Berlinerin schreibt, sie stellt jetzt an der Spielzeugeisenbahn die emotionalen Szenen vom Bahnwärter Thiel nach, dann schüttelt es mich und ich sehe sie vor mir, die Bahnschienen, das Blut und die Tränen. Irgendwo blitzt da der Sinn, nur kurz, manchmal hat er die Form einer Mütze in der Hand des Vaters.
Überhaupt Väter. Das sind so Sinnstifter, können es sein, sollten es sein. Sie sollten nicht mit der Mütze in der Hand da sitzen. Themawechsel. Das tut nicht gut. Der abgeblätterte Nagellack auf meinen Fingern stellt heute auch nur Fragen. Wäre es nach ihnen gegangen, würde ich das Gartenhaus aufbauen. So eine blöde Idee. Nur Schnösel haben Gartenhäuser. Da sitzen sie dann drin, wenn es regnet und betrachten ihr Gartenwerkzeug. Dazu fällt mir sofort eine Horrorgeschichte ein. Die fallen mir zur Zeit häufig ins Hirn. Holterdipolter, leise sind die nie. Personal rennt gerade auch ausreichend in meiner Umgebung rum.
Manchmal find ich mich schrecklich. Lustig. Ich kann Hipp-Gläser mit Plakafarben anmalen, rosa mit weißen Blümchen, das find ich lustig. Ich kann auch über meinen Bruder lachen, der einen Telefonstecker in die falsche Buchse steckt und ihn nicht wieder raus kriegt. Ich lach mich dann weg. Über die Azubine, die den Umzugskarton nicht zusammen bauen kann, kann ich nicht lachen. Es steht doch drauf BODEN. Wieso macht man dann daraus einen Deckel? Auch so ein Reizthema: Azubis.
Dann lieber Michael Augustin lesen: “Es ist gut wissen, dass eine einzige Vergangenheit Hunderte, ja, Zigtausende von Zukünften verhindern kann.” Ja, Herr Bahnwärter, hätten sie mal, dann müssten sie jetzt nicht.
Überhaupt Gedichte. Ich hab heute eines gesucht. Habe diese eine Zeile gelesen. Diese eine Zeile, die so viel sagt. Ich habe das Gedicht gesucht, bin die ganze Bibliothek rauf und runter, ich hab es nicht gefunden. Dann fiel mir ein, dass ich es ihm geschenkt habe. Damals. Dieser Einfall war das schönste Fundstück des Tages.

Studium der Scharnierwissenschaften

FrauvonWelt sitzt in ihrem rosa Plüschsessel und ist stolz auf sich. Sie ist in die tiefen Geheimnisse des deutschen Scharnierwesens eingedrungen und hat das Studium der Scharnierwissenschaften erfolgreich abgeschlossen. Sie hat dazu nur drei Stunden und 5 Schranktüren gebraucht. Jetzt steht das Mistding.

FrauvonWelt is over capacity!

Please wait a moment and try again. FrauvonWelt is currently unable to handle the request because of a temporary overload. Und außerdem ist @AnnaNuehm jetzt bei twitter. Kein Wunder das alles also.

Ich brauch eine Treppe

FrauvonWelt, die alte Handwerkerin, hat eine Tür eingebaut. Supermodell, formschön und leicht zu kleben. Nun fehlt die Treppe:

Woher nehmen, wenn nicht klauen? Mitmachen bei Herrn Winkelsens Baumarktgutscheinverlosungsaktion. Ich fürchte allerdings, eine Treppe für 100 Euro reicht nicht ganz bis auf den Boden. Wäre aber immerhin ein Anfang.

Ich stehe übrigens hinter der Tür, falls jemand sich beschwert, dass ich da nicht mit drauf bin.

FrauvonWelt spielte Fußball und die Haare lagen auch

Damit nun auch die letzten Zweifler entzweifelt sind. Hier der einzig farbechte Beweis, dass FrauvonWelt sich schon früher ordentlich zu kleiden wusste:

Okay, wir haben das Spiel 11:1 verloren. Aber ich sah wenigstens vernünftig aus und meine Haare lagen auch einigermaßen. Ich glaube, es hat nur keiner bemerkt. Aber heute kann man es ja mal anmerken.

Ich schau da nicht mehr hin

Ich bin das Kind eines Fußballers. Ich bin ein Fußballkind. Mein Vater spielte in der Oberliga. Damals, bevor sie viertklassig wurde. Am Wochenende stand das Fußballkind auf dem Sportplatz. Jeden Sonntag. Ich fand das nicht schlimm, denn alle waren sie da. Alle Kinder. Wir spielten zusammen. Als ich älter wurde, schaute ich mir sogar die Spiele an. Als mein Vater älter wurde, wurde er Chef. Offiziell hieß das Fußballobmann. Was das ist, hab ich nicht verstanden. Andere haben immer gesagt, mein Vater sei Chef. Ich fand das gut. Ich war ja dann Cheftochter. Fremde Lorbeeren schmücken gut. Bei jedem Spiel stand er hinter dem Tor. Er rauchte damals viel. Man konnte immer sehen, wo er gestanden hatte. Einmal stand Klaus Allofs neben ihm. Ich wollte auch neben Klaus Allofs stehen, wurde aber weggeschickt.

Sonntags spielte der eigene Verein, samstags war Bundesliga. Ja, nur samstags. Ja, alle Spiele. Die verfolgte man nachmittags im Radio. Achtzehn Uhr kam Sportschau. Ja, nur Sportschau, sonst war nichts. Wenn man die Spiele sehen wollte, musste man hin fahren. Mein Vater fuhr hin. Bielefeld zum Beispiel. Bretteralm. Gegen Schalke. War das ein Lärm und wackelig. Dortmund, Schalke, Hamburg, Mailand und immer wieder München, zweite Heimat. Dann Athen. Ich war zwölf. Athen war heiß und achtzigtausend im Stadion. „Juve, Juve“, schrien die kleinen Italiener. Am Flughafen hab ich Günter Netzer mit seiner Modelfrau getroffen. Ich war zwar Cheftochter, aber ab diesem Tag wollte ich lieber Modelfrau von Günter Netzer sein. Ich wusste schon damals, ich hatte mir ein unerreichbares Ziel gesteckt. Der HSV gewann, ich verlor. Ich verlor meine Identität. Ich war nichts. Ich war ein Nichts mit kurzen Beinen. Nie würde ich so lange Beine haben, nie würde ich so aussehen wie sie. Die kleinen Italiener, die mir hinter her pfiffen und eifrig bemüht waren, einige Worte aus mir heraus zu bekommen, interessierten mich nicht. Neunte Minute, Felix Magath trifft. Wer behauptet, es war in der achten Minute, der war nicht dabei. Leuchtraketen knallten. Die Masse johlte, mir war zum Heulen. Fußball war mir auf einmal egal. Ich hatte Hunger und die Krise. Die vielleicht folgenreichste meines Lebens. Ich entschloss, wenn ich schon kein Leben als Modelfrau an Günter Netzers Seite führen konnte, wollte ich ein Leben ohne Fußball führen. Ich schaute einfach nicht mehr hin.
Dann kam die Liebe. Er war sechzehn, ich vierzehn. Er war Schalkefan, ich dann auch. Als er ein Auto hatte, waren wir alle zwei Wochen auf Schalke. Das ging mir irgendwann auf die Nerven. Er dann auch. Also wieder Fußballpause.
Dann mein Bruder. Er noch keine achtzehn, ich schon, ich auch schon motorisiert. „Schwester, fährst Du uns nach Dortmund, Bochum, München, wasweißich.“ UNS: eine Meute durchgeknallter Fußballfans in selbstgenähte Kutten und ein Arsenal von Schals eingewickelt. Warum ich damals nie Nein gesagt habe, weiß ich nicht. Wahrscheinlich war es für mich so selbstverständlich am Wochenende auf irgendeinem Fußballplatz zu stehen, dass ich diesen neuerlichen und fortwährenden Angriff auf meine freie Wochenendgestaltung überhaupt nicht als solchen wahr nahm. Ich war gar nicht in der Lage, meine Wochenende selbständig zu planen. Natürlich stand ich immer mit in der Fankurve. Der FC Bayern in Bochum – nie hat man mir mehr Bier in den Nacken gekippt, nie hab ich mehr an der Menschheit gezweifelt, nie war ich kürzer davor zum Hooligan zu werden. Nur weil ich einen Bayern-Schal um hatte, (es war halt kalt), muss der hirnlose Bochumfan mich doch nicht für einen Bayern-Fan halten und mich mit Bier duschen. Diese Kurzsichtigkeit unter Fußballfans hab ich nie verstanden. Seit Jahren rede ich mir übrigens ein, es war nur Bier.

Ich suchte verzweifelt die schönen Seiten des Fußballs. Ich fand sie in Ralf Falkenmeyer. Frisurtechnisch war das die Rache an Günther Netzer. Eintrachtfan wurde ich trotzdem nie. Wer weiß, wie Fußball geht, wird kein Eintrachtfan. Viele Jahre später sollte ich in der Nähe Frankfurts wohnen, Ralf Falkenmeyer hatte ich längst vergessen. Er war wohl wieder Bademeister. Mein Vater musste längst nicht mehr seine Töchter in die Fußballstadien der Welt mitnehmen und mein Bruder hatte inzwischen einen FCB Fan-Club gegründet, für den ich zwar noch den Schriftverkehr führte, aber deren Chauffeurs-Kutte ich nicht mehr anziehen musste.

Da saß ich nun also in Frankfurter Gefilden und keiner spielte mit mir Fußball. Langsam schaffte ich den Absprung. Fußballwissen erwartete sowieso keiner von einem weiblichen Wesen, also erlaubte ich mir immer öfter bundesligatechnisch nicht auf dem neuesten Stand zu sein. Ich hörte auf, Kicker zu lesen und Sportschau zu gucken. Während ich früher alle Ergebnisse wusste, lernte ich nun alles zu ignorieren, was auch nur den Anschein erweckte, ein Fußballergebnis zu sein. Es funktionierte. Wer spielt? Kenn ich nicht. Ach so, die spielen jetzt in der Zweiten. Hab den Abstieg gar nicht mit gekriegt. Was für ne Position? Libero. Ja, klar. ChampionsWas? Hä? Wieso spielen die freitags? Abseits, nee, das hab ich noch nie verstanden.

Es war wunderbar. Ich wurde fußballblöd und bin es bis heute geblieben. Ich schaue einfach nicht mehr hin. Und Weltmeister 2010 wird Ghana.