FrauvonWelt geht

wie einst Immi und Atta in die Waschküche Tatta.

Jetzt ist alles erfroren

FrauvonWelt hat kalte Füße. Die Zehen lassen sich nicht mehr bewegen. Wie so vieles. Alles ist bewegungslos geworden. Still und starr ruht der See. Wäre ja immerhin mal die Möglichkeit, Schlittschuhlaufen zu gehen. Ein Fünkchen Hoffnung und Wärme, wenn man immerhin noch die Möglichkeit der Bewegung in Erwägung zieht? Pah. Und das wärs dann auch schon, ein Inerwägungziehen ist alles was geblieben ist hinter diesem Vorhang aus Eis. Man möge sich doch bitte nichts vormachen, auch wenn die Therapeuten immer genau das Gegenteil empfehlen. Ja, machen Sie sich was vor. Malen Sie sich ein Bild. Denken Sie positiv. Ha. Ha. Ha. Leise rieselt der Schnee. Knack, knack, FrauvonWelt bewegt einen Zeh. Wo ist denn bloß der rosa Farbeimer geblieben? Her mit den Pinseln und der Farbe. Malen Sie sich die Welt rosarot, trinken Sie Champagner und brechen Sie ins erstbeste Eisloch, dass sich Ihnen auf tut. Zack, krack, weg isse. Mit samt dem schönen Farbeimer. Und wer es nicht glauben mag, möge bitte hinaus blicken auf den See. Alles rosa.
Nein, ja, doch nicht. Wer weiß es schon. Wer weiß was schon. Wer weiß schon, wer aus der Asche geboren oder war es doch der Schaum? Aus Asche erstanden, aus Schaum geboren, aber aus Eis? Sie müssen auch dran glauben. Herrje, das hat doch im Kindergottesdienst schon nicht funktioniert. Diese Hirnprogrammierung. Wenn es kalt ist, ist es kalt. Basta. Und diese Farbeimer werden Sie hier nicht los. Kein Grün. Kein Blau. Kein Rot. Rot schon gar nicht. Obwohl. Man könnte ein bisschen Schnee beimischen. Und schon ist’s rosa. Jawollja. Sowieso genau. Wer hat’s gesagt? Ja, der eine. Der, der Eis zum Schmelzen gebracht hat. In seinem Wintergarten. Einst. Einst, als Wintergärten noch blühen durften. Und Schreiben war ein Inseisritzen. Inseelenritzen. Heute wollen sie einem alles ins Hirn ritzen. Ritschratsch. Und noch Geld dafür. Womit wir schon wieder auf dem Glatteis wären. Gleitschuhe gab es früher. Heute ist selbst das Inerwägungsziehen des Schlittschuhlaufens ein Wagnis. Die Spuren, die man hinterlässt, könnten brennen.

Hirschgulasch, gefroren

FrauvonWelt steht am Herd und taut das übrig gebliebene Weihnachtshirschgulasch auf. Verträumt rührt sie mit dem Kochlöffel darin herum. Gelangweilt nimmt sie das Klingeln des Telefons zur Kenntnis. Sie trottet in den Flur und greift zum Hörer. Babsi. Eine Ewigkeit haben die beiden sich nicht gesprochen. Babsi wohnt jetzt in Freiburg. Auch sie hat Wiesbaden verlassen. Nach dem üblicherweise kreischhaftem Begrüßungsritual fängt FrauvonWelt an zu erzählen. Ja, ja, alles okay im Job, viel zu tun, viel Bewegung, neue Wege, neue Gesichter. Wie das halt so ist, späte Karriere, da fragt man nicht mehr nach Alternativen, da muss man schon mal drei Schritte auf einmal machen, erst recht in dieser Männerwelt, in der man dir von Haus aus erst mal nichts zutraut. Das Häuschen, ach, das Häuschen, ein paar Baustellen hier und da, es fehlt die Zeit, ständig denkt man, wann stellt denn endlich mal jemand die Lampe woanders hin, die steht da doch völlig falsch, so denkt man und denkt man und die Lampe bleibt doch stehen, genauso wie das dämliche Bild in der Küche einfach hängen bleibt, es nimmt keiner ab, es nimmt verdammt noch mal keiner ab.
FrauvonWelt?
Ja, Babsi?
Geht es Dir gut?
Nein, ja, ach, weiß ich nicht, hab lange nicht drüber nachgedacht.
Dann tu es jetzt.
Jetzt muss ich Hirschgulasch auftauen. Ich denk später drüber nach, nach dem Essen. Erzähl von Dir. Wie läuft es in Freiburg?
Der Anfang war schwer. Hab einfach nicht den richtigen Job gefunden. Alles lief nicht so, wie es sollte, da bin ich wieder Kellnern gegangen, zwei, drei Adressen, aber irgendwie alles nicht das Wahre, mal war der Chef zu blöd, mal zu geldgeil, ach, ich hab auch einfach keinen Bock mehr auf diese Abzocke, das Theaterspielen mach ich weiterhin, aber da wird man halt auch nichts bei, es macht zwar total viel Spaß und ich komm viel rum, aber Hollywood ist das nicht, dann hab ich noch so nen kleinen Job im Filmstudio, aber, ach, weißt du, es nervt halt, wenn du ständig auf der Suche bist, irgendwann hab ich einfach mal meine Bilder an eine Agentur geschickt, hab lange nichts von denen gehört, bis nach Weihnachten, da melden die sich plötzlich und sagen, sie wollen zwanzig Bilder von mir kaufen, ich dachte, das Christkind steht persönlich vor meiner Tür, seit dem läuft es besser.
Babsi?
Ja?
Geht es dir gut?
Weiß nicht. Mir ging es eigentlich immer so wie jetzt. Weiß nicht, ob das gut ist. Was macht eigentlich deine Schreiberei?
Nichts.
Nichts? Ja, du erlebst ja auch keine blöden Geschichten mehr mir, da fehlt dir die Inspiration.
Genau, keine kanadischen Englischlehrer mehr…
Oh, Gott, hör bitte auf, ich werd jetzt noch rot, wenn ich dran denk.
Babsi?
Ja.
Wir müssen was ändern.
Ja, müssen wir. Wir müssen wieder mehr Erdnüsse essen.
Du bist so weit weg.
Nein, ich bin nicht weit weg. Stell dir vor, ich wäre die Lampe, du nimmst mich jetzt und stellst mich genau neben dein Bett.
Babsi, du spinnst.
Was macht dein Gulasch?
Fertig. Danke, Babsi.

Irgendetwas war

FrauvonWelt sitzt in ihrem rosa Plüschsessel und denkt: Irgendetwas war heute. Sie kann sich jedoch nicht entsinnen, was es gewesen sein könnte. Also sitzt sie weiterhin in ihrem rosa Plüschsessel und denkt genau darüber nach. Das Klingeln der Türglocke reißt sie aus ihren Gedanken. Sie steht auf, geht zur Tür, öffnet: Der Nachbar mit einem Paket. Plötzlich werden Erinnerungen wach.

Draußen vor der Tür… (12)

16. Dezember 2010, 22:35 Uhr:

Draußen vor der Tür… (11)

Draußen vor der Tür liegt Schnee. Und mein alter Leinenschal. Ich hab ihn verloren, wie so vieles. Man verliert im Leben immer irgendetwas. Draußen. Vor der Tür. Der Schnee wird meinen Schal fressen. Er wird es nicht überleben. Der Schal nicht, der Schnee aber auch nicht. Wenn es Frühling wird (Es wird doch Frühling?), gibt es meinen Schal nicht mehr. Eigentlich gibt es ihn jetzt schon nicht mehr. Für mich. Ich hab ihn verloren. Ich bin noch nicht einmal traurig. Es war nur ein Schal. Ich habe viele, trage fast immer einen. Ich gehe nicht zum Fundbüro. Ich suche auch nicht die Hecken und Mauern am Straßenrand nach einem aufgehängten Schal ab. Es gibt Leute, die finden Sachen und hängen Sie über einen Gartenzaun. Mein alter Schal auf einem Gartenzaun. Das würde er nicht mit sich machen lassen. Er war störrisch. Auch als ich ihn damals um meinen Hals legte. Das erste Mal. Er wollte nicht so liegen, wie ich das gerne gehabt hätte. Es hat nicht funktioniert mit uns. Lange lag er in meinem Schrank. Ich fand ihn immer schön. Aber getragen, getragen hab ihn nie. Auf irgendeine sonderbare Art und Weise war er nur schön. Mehr nie. Ist ein nicht getragener Schal ein Schal? Ein verlorener Schal ist auf jeden Fall ein Schal. Ich glaub, ich bin ein bisschen froh, dass er weg ist, auch wenn mir der Anblick fehlt. Ich versuche mich zu erinnern. Erinnern an verlorene Sachen. Mir fällt nur ein Mensch ein, den hab ich in meinem Leben schon zweimal verloren. Den einen. Es hat nicht funktioniert. Er lag wie eine Schlinge um meinen Hals.
Draußen vor der Tür liegt Schnee. Drinnen ist es warm. Die Schals hängen an ihrem Platz. Ich trage fast immer denselben. Er kann mir nichts tun. Er ist nicht schön, er ist einfach nur ein Schal. Wenn ich meinen alten Schal morgen wieder finden würde? Über einen Gartenzaun gehängt? Oder über einen Ast? Ich ginge vorbei. Ganz sicher. Obwohl es wirklich ein schöner Schal war.

Die Metzgerstochter gesteht

Irgendwer: “FrauvonWelt, wo sind Sie denn? Sie können hier doch nicht so lange nichts machen.”
FrauvonWelt: “Nee? Warum nicht?”
Irgendwer: “Weil man das nicht tut.”
FrauvonWelt: “Nee?”
Irgendwer: “Nee.”
FrauvonWelt: “Ach so.”
Irgendwer: “Sehen Sie. Also nun, wo sind Sie denn die ganze Zeit.”
FrauvonWelt: “In einer Parallelwelt.”
Irgendwer: “Dann berichten Sie halt hier aus der Parallelwelt.”
FrauvonWelt: “Nein, das wollen Sie nicht wirklich.”
Irgendwer: “Doch.”
FrauvonWelt: “Nein.”
Irgendwer: “Ich weiß immer noch besser, was ich will. Also, wie sieht diese Parallelwelt aus?”
FrauvonWelt: “Na gut, es gibt dort T*ote und viel B*lut.”
Irgendwer: “Sind Sie unter die Krimischreiber gegangen?”
FrauvonWelt: “Falsch. Ich trete mein berufliches Erbe an.”
Irgendwer: “Sie… treten… Sie… meinen… Sie…”
FrauvonWelt: “Ja, genau.”
Irgendwer: “Das passt aber gar nicht zu einer FrauvonWelt.”
FrauvonWelt: “Merken Sie was?”
Irgendwer: “Nee.”
FrauvonWelt: “Nee?”
Irgendwer: “Nichts.”
FrauvonWelt: “Nichts ist immer gut.”