Archive for the 'Geschichten von Welt' Category

Die orientalischen Frösche

FrauvonWelts Mama ist Märchenerzählerin. Tausend und eine Geschichte kennt sie auswendig. Die kleinen, die streut sie immer mal wieder so in den Alltag ein. Gestern am Telefon diese hier:

Es war einmal ein Frosch Namens Abdullah,
er saß am Teich und sonnte sich.
Es war wie Musik in seinen Ohren.
Die Sonne Allahs schien ihm ins Gesicht.
Da kam ein anderer Frosch, sein Freund Mustafa.
Wie geht es dir heute Abdullah? wollte Mustafa wissen.
Gut, gut, wunderbare Sicht heute.
Wollen wir uns ein bisschen sonnen?
Ja, ja das ist eine gute Idee. Lass uns sonnen.

Da kamen dunkle Wolken. Der Himmel wurde schwarz.
Die ersten Tropfen fielen.
Abdullah rief: Ich habe überhaupt keine Lust nass zu werden.
Abdulla, du hast vollkommen Recht, ich auch nicht, meinte Mustafa.
Alles klar, lass uns gehen.
Abdulla streckte sich und hopp hopp sprang er in den Teich.
Und hopp hopp, Mustafa folgte ihm und sprang kopfüber hinterher .

Kurzschluss | Feuerkinder

Kurzschluss – ein schönes Projekt. Ausgewählte Autoren schreiben zu einem vorgegebenen Thema und veröffentlichen gleichzeitig. Sie verlinken ihre Texte mit den jeweils anderen. Die Autoren sind jeden Monat andere, das Thema wechselt ebenso. Das Augustthema: Hingabe.

So weit so gut. Der Begründer des Projektes ist BastiH vom Chaosplaneten, der sich gestern aus gesundheitlichen Gründen aus seinem Blog verabschiedet hat. Die letzten Anweisungen für dieses Projekt fehlen mir also. Fest steht nur der Veröffenlichungstermin: Heute 10 Uhr. Meine Mitautoren, die ich hier hätte verlinken müssen, kenne ich nun nicht. Aber daran sollte das Projekt nicht scheitern, und ich hoffe, dass auch die anderen Autoren das Projekt nicht vergessen haben.
Gute Besserung und beste Wünche an BastiH.

Edit: Mitautoren gefunden: GlamourDick, Suspect-zero und to01



Feuerkinder

Der Tag war trocken. Der Boden hart und unnachgiebig. Ein Funke nur, ein einziger Funke, und das Feuer in uns würde entfacht. Die gierige Glut forderte, was ihr nicht gehörte. Das lüsterne Knistern verriet ihre ständige Gegenwart. Fortwährend. Keiner hätte sie leugnen können. Keiner hätte sie leugnen wollen.

Und doch. Es durfte nicht sein. Nicht wir. Nicht wir beide. Wir saßen an die Hauswand gelehnt. Blicke verloren sich am Horizont, schauten hinab ins Tal. Das Flimmern über den Dächern der Stadt brannte sich in die Netzhaut. Die Sonne wehrte sich mit loderndem Farbenrausch gegen die drohende Nacht. Ein ewiges Spiel.

Ich nahm einen Schluck Wasser, sehnte die Nacht herbei, die Dunkelheit, die Kühle, die Ruhe in unseren Herzen. Lange war das her. Öl tropfte in mein Herz. Als ich ihn anschaute, spiegelte sich das Feuer des Himmels in seinen Augen. Nein, mach die Augen zu, ich will das nicht sehen, lass es Nacht werden. Lass es endlich Nacht werden. Es darf nicht sein. Nicht wir. Ich stand auf, wollte gehen und wollte es doch nicht. Wusste nicht wohin. Spürte die Hitze, die Glut, das Verlagen, all das und mehr. Wollte mehr, wollte dich, wollte verglühen mit dir.

Seine Hand an meinem Arm hielt mich fest. Ich schaute ihn an. Er zog mich an sich. Die Berührung war Inferno und Wonne zugleich. Heiß, glühend, genussvoll. Der Himmel über uns färbte sich rot. Meine Haut brannte. Seine Schweißperlen waren Öltropfen in der geifernden Glut. Nicht wir beide. Nicht wir. Worte verbrannten wie Papier. Das Feuer fraß mit gierigem Verlangen. Wir waren machtlos, körperlos. Wir waren alles und nichts.

Die Asche war kalt. Der Boden hart und unnachgiebig. Die Tage waren trocken. Die Ödnis in unseren Herzen würde nie mehr schwinden. Nicht wir. Nicht wir beide. Wir haben es gewusst. Immer. Und doch.

Katzenkind

Ich weiß nicht. Meine Großmutter kam nicht aus schlechten Verhältnissen. Sie erzählte keine Geschichten von Kriegsgräuel oder Hunger. Immer nur sprach sie von ihren Katzen. Immer nur die Katzen. Manchmal waren es mehr, manchmal weniger. Je nach dem ob der Nachbar mal wieder eine erwischt hatte, oder nicht. Der tötete die Katzen. Steckte die kleinen ins Wasser.
Ich mochte die Katzen auch nicht. Die Geschichten hörte ich mir trotzdem an. Ob ich meine Großmutter mochte, weiß ich nicht. Ich habe so vieles nicht gewusst. Immer nur Katzen, Katzen, Katzen. Tote Katzen, junge Katzen, schwarze, weiße, gescheckte, kranke und gesunde. Wenn meine Großmutter abends ihre Beine in die graue Wolldecke geschlagen hatte, sagte sie immer: „Weißt Du Kind“ – so fing sie jedes Mal an. „Weißt Du Kind?“ Nein ich weiß nicht. Damals nicht und heute auch nicht. Wäre ich sonst hier? Wenn ich die Sache mit den verdammten Katzen verstanden hätte? Warum, warum hast Du es denn nicht gesagt? Warum hast du mir nichts erklärt? Mit der blauen Vase hab ich dir einen Wunsch erfüllt, nicht wahr? Du hast das so gewollt. Immer nur hat mich der Nachbar am Kragen gepackt und mir böse Blicke zugeworfen. Er hat mir das gleiche Schicksal wie den Katzen gewünscht. In seinen Augen war ich ein widerliches Katzenkind, das ins Wasser gehörte. Aber du, Großmutter, du hast doch die Katzen geliebt. Warum hast du deine Katzen nicht gerettet? Warum nicht mich?
Der Betreuer fragt immer wieder nach meinen Eltern. Er sagt, dort sei der Hund begraben. Er hat nicht verstanden, dass es um Katzen geht. Die sind begraben. Im Garten, hinten unter dem großen Baum. Schön tief, so dass keiner mehr ran kommt.
Meine Eltern? Ich weiß nicht. Irgendetwas ist da schief gelaufen. Ich weiß nicht mal, ob mein Vater oder meine Mutter von dir abstammt. „Weißt du mein Kind“ fingst du dann wieder an, „ich hatte ja so viele Kinder.“ Du hattest viele Kinder. Viele Kinder verloren. Katzen verloren. Das war wohl der Lauf der Dinge.
Es gab da noch diese Tante. Sie hatte so eine traurige Stimme. Ich sah die Tante immer nur putzend. Sie putzte den ganzen Tag. Wenn sie den Fußboden schrubbte, wischte sie sich ständig mit dem Handrücken eine Strähne von der Stirn. Das ist alles, was ich von der Tante weiß. Sie hat nie viel mit mir gesprochen. Einmal hörte ich, wie sie zu dir sagte: „Das Kind, das Kind, das wird nichts.“ Die Leute sagten später, sie sei nicht ganz richtig im Kopf. Aber das sagte man damals eigentlich über alle. Der Nachbar war auch nicht ganz richtig im Kopf. Was heißt das schon? Katzen ertränken. Zu viele Kinder haben. Und immer wieder dieses „weißt Du mein Kind.“ Manchmal wünschte ich mir, der Nachbar hätte es getan. Hätte dieses kleine verstaubte Kind einfach ertränkt. Ich soll so etwas nicht denken, sagt der Pfarrer. Solche Gedanken wären nicht schicklich. Dann erzählt er mir etwas vom lieben Gott. Schicklich war ich mein ganzes Leben lang nicht. Warum soll ich mir nicht wünschen dürfen, ich wäre gestorben? Da war nichts, nichts, nichts. Oma, Katzen, Tante, Nachbar, tot, tot, tot. Und jetzt versuchen alle mir zu helfen. Oder irgendetwas zu erfahren. Was passiert ist. Ich weiß es nicht. Ich weiß es doch nicht. Lasst mich doch endlich in Ruhe. Ich will schlafen. Will keine Katzen mehr sehen. Das Feuer brannte gut. Es stank und es loderte schön. Mir hat das gefallen. Bei dem Feuer war mir zum ersten Mal warm im Leben. Der Nachbar hatte es immer warm. Bei ihm brannte der Ofen immer. Er war nicht gut zu mir. Meine Oma hat das gewusst. „Weißt Du mein Kind“, hat sie dann wieder angefangen, wieder und wieder, musste ich mir anhören, was ich nicht verstand. Der Nachbar sei verbittert. Er tötet die Katzen. Steckt sie ins Wasser. Ich weiß nicht. Das Feuer brannte gut. Ich habe die blaue Vase für Oma gefüllt. Sie hat es sich so gewünscht. Es war nicht so einfach, aber es ist fast alles drin. Die Asche war noch warm. Ich weiß nicht, wer meine Eltern sind. Ich weiß nicht, wie das ist, wenn man Eltern hat. Ich hatte immer nur die Oma, die Katzen, die Tante und den Nachbarn. Oma hat den Nachbarn gehasst. Er hat die Katzen ertränkt. Immer und immer wieder. Meine Oma war darüber traurig, hat aber nichts getan. Sie hat nichts getan. Sie war immer traurig. Ich weiß nicht. Als meine Oma starb, war ich traurig. Ich glaube, dass das Traurigkeit war. Eigentlich war es fast wie immer, nur ein bisschen schlimmer. Als meine Oma starb, sagte sie: “Weißt du mein Kind, ich wünschte, ich könnte ihn mitnehmen.“

Die Fahrkarte bitte

“Dreitausend Euro und du kannst in den Zug einsteigen.”
“Dreitausend Euro?“
“Ja, dreitausend Euro.”
Ich fragte noch einmal nach. Doch die Antwort war wieder die gleiche. Ich sollte tatsächlich dreitausend Euro zahlen. Das verschlagene Grinsen meines Gegenübers wurde breiter.
“So ein Schwachsinn. Da gehe ich lieber zu Fuß.”
“Es gibt keinen Fußweg dorthin, wo du hin willst.”, hörte ich in meinem Rücken.
Ich hatte mich schon abgewandt. Doch diese Worte brachten mich wieder zum Stehen.
“Was weißt denn du, wo ich hin will?”
“Komm, gib mir das Geld und steig ein.”
Eine knochige Hand mit langen Fingern griff meinen Arm und zog mich in Richtung Zug. Ich wehrte mich nicht. Ich zog ein Bündel Scheine aus meiner Hosentasche, doch ehe ich nachzählen konnte, verschwand es schon in einer grauen Manteltasche. Das Knallen der Wagontür ließ mich kurz zusammen zucken und verstärkte in mir das Gefühl, einen entscheidenden Fehler gemacht zu haben. Ich drehte mich nicht um, ich versuchte nicht, die Tür wieder zu öffnen. Ich wusste, sie bliebe mir nun für immer verschlossen. Das Abteil, in dem ich mich wieder fand, war leer. Dunkelrot bezogene Sitze starrten mich an. Ich wollte keinen.
Der Zug setzte sich in Bewegung und in mir machte sich die Gewissheit breit, dass ich etwas in Gang gesetzt hatte, das sich nicht mehr aufhalten ließ. Die Geschwindigkeit des Zuges und meine Unruhe nahmen gleichermaßen zu. Ich ging ein paar Schritte durch das Abteil. Es roch nach kaltem Pfeifentabak. Ich versuchte mich zu beruhigen, redete mir ein, ich müsse mich nur irgendwo hinsetzen und warten, bis der Zug wieder anhielte. Die roten Sitze widerten mich an. Ich nahm einen ziemlich abgewetzten, setzte mich und atmete durch. Holte Luft, holte erneut Luft und hatte das Gefühl, der Strick um meinen Hals würde immer enger gezogen.

“Kaffee, der Herr? Entschuldigen Sie, möchten Sie vielleicht einen Kaffee?”
Für einen flüchtigen Moment glaubte ich, aus meinem ganz persönlichen Alptraum zu erwachen. Doch schon brannte sich die verabscheute Kulisse des Zugabteils wieder auf meiner Netzhaut fest.
“Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht wecken. Aber dies ist die letzte Möglichkeit für Sie, heute noch Kaffee zu trinken, ich komme sonst erst morgen wieder.”
Die jugendlich-zarte Stimme streichelte meine Ohren und die Aussicht auf Kaffee stimmte mich versöhnlich. Die Tatsache jedoch, dass sie sonst erst morgen wieder komme, bereitete mir Sorge. Ich wollte morgen nicht mehr in diesem Zug sitzen.
“Wie lange werde ich mit diesem Zug fahren müssen?”
“Sie haben eine lange Reise vor sich. Wir werden uns nun täglich sehen. Hier, nehmen Sie einen Kaffee. Milch oder Zucker?”
“Danke, ich trinke ihn schwarz.”
Ich hielt den heißen Becher in meinen fragenden Händen, nicht in der Lage zu trinken. Das Kaffeemädchen entschuldigte sich erneut bei mir, huschte durch die knarrende Abteiltür und ließ einen süßlichen Duft zurück, den ich glaubte, irgendwann schon einmal gerochen zu haben. Ich wühlte in meinen Erinnerungen, fand jedoch nur nutzloses Zeug. So war das immer. Meine Erinnerungen waren eine Ansammlung überflüssiger Geschehnisse, die ich, wenn ich gewusst hätte wie, genau so gut hätte wegschmeißen können. Ich machte mir also nicht länger die Mühe, über den Duft des Kaffeemädchens nachzudenken, sondern versuchte, nun mit winzigen Schlucken den Becher zu leeren.

Das Quietschen der Bremsen riss mich aus meinem meditativen Tun und allein die Tatsache, dass mein Becher schon fast leer war, verhinderte ein Überschwappen. Der Zug fuhr langsamer, kam aber nicht zum Stehen. Plötzlich wurde die Abteiltür aufgerissen und ein Hüne mit eingezogenem Kopf und zugekniffenen Augen kam auf mich zu.
“Ihre Fahrkarte bitte.”
“Fahrkarte? Ich habe keine Fahrkarte.”
“Aha, ein Schwarzfahrer also. Na dann kommen Sie mal mit.”
“Mitkommen? Hören Sie mal, ich habe viel Geld bezahlt für diese Zugfahrt. Wo wollen Sie denn mit mir hin?”
“Sie haben viel Geld bezahlt und sich keine Fahrkarte geben lassen?”
Ich verstummte, stand auf und folgte dem immer noch gebückten Riesen ins nächste Abteil. Dort saß an einem reichlich gedeckten Tisch ein älterer Herr, der gerade versuchte, mit einer Serviette seine voll gekleckerte Krawatte zu reinigen.
“Die Suppe war einfach zu heiß, zu heiß”, stöhnte der Alte in seinen grauen Bart. “Was wollen Sie?”
“Eine Fahrkarte”, hörte ich mich flüstern, ich Dummkopf. “Nein, ich will keine Fahrkarte. Der da” – ich drehte mich um, doch da war niemand mehr – “na, der Schaffner wollte eine Fahrkarte von mir.”
“Und Sie haben keine?”
“Nein, ich habe keine.”
“Gut, hier nehmen Sie, essen Sie.”
Er reichte mir einen leeren Teller und schob die gefüllten Schüsseln in meine Nähe. Ich hatte Hunger, ich hatte wirklich Hunger. Ich wusste nicht, wann ich das letzte Mal etwas gegessen hatte, also langte ich zu. Mein Appetit war verheerend. Ich ließ fast in keiner Schüssel mehr etwas drin. Mein Glas füllte sich mit Wein und für einen kurzen Moment konnte ich meine missliche Lage wieder vergessen und glaubte fast, mir ginge es gut.
“Haben Sie etwa einem Mann im grauen Mantel Geld gegeben?” Der sonore Ton des Alten wirkte beruhigend, doch die Erinnerung an den grauen Mantel löste leichte Panik in mir aus.
“Ja, kennen Sie ihn?”
“Kennen? Und ob ich ihn kenne, den alten Gauner. Es ist mein Sohn. Wie viel haben Sie ihm gegeben?”
“Dreitausend Euro.”
“Nun gut, nun gut, wir werden sehen. Ich werde sehen. Gehen Sie zurück in Ihr Abteil, schlafen Sie.”

Ich tat, was er sagte. Ich tat eigentlich immer, was man mir sagte. Meine Mutter offenbarte mir einmal, ich sei als Kind schon langweilig gewesen. Immer sei ich so brav gewesen, hätte keine Dummheiten oder Streiche gemacht. Nie gab es Widerworte, Lügen oder Geschrei. Ich war kein richtiges Kind, hat sie gesagt. Die Frage, ob ich ein richtiger Mann sei, hat sich mir nie gestellt. Jetzt war sie da. Ich saß wieder auf meinem abgewetzten Ledersitz und ungemütliche Fragen wühlten sich durch meine Gedärme. Schweiß und Schmerzen wurden mächtig. Ich fühlte etwas Gewaltiges in mir aufsteigen. Ich warf mich auf den Fußboden, schlangengleich wand sich mein Körper. Ich sah meine Erinnerungen an mir vorbei rauschen, immer schneller, immer schneller. Menschen, Gesichter, Straßen und Häuser. Worte flogen durch meine Qualen und gingen in Flammen auf. Ich schrie um Hilfe. Schrie und schrie und schrie. Dann brach alles aus mir heraus. Es dauerte nur Sekunden und ich saß in einem braunen Sumpf, der sich langsam wabernd auf dem Boden ausbreitete. Ich glaubte, ich sei tot. Ich fühlte mich leer und gottlos. Verlassen.

Die Abteiltür wurde aufgerissen. Mein Blick erfasste das Kaffeemädchen. Doch bevor es einen Ton sagen konnte, war ich bei ihr, begriff, dass ich noch lebte, riss ihr den Kaffee aus der Hand, rief laut Danke und stürmte los. Tornadogleich fegte ich durch den Zug auf der Suche nach einem Ausgang. Nichts würde mich nun aufhalten können. Ich wollte hier raus. Ich sprang gegen Wände und Türen. Ich war panisch, aber ich war frei. Den Duft des Kaffeemädchens atmend warf ich mich gegen eine Tür und erlebte im gleichen Augenblick einen infernalischen Sog und eisige Kälte.

Als ich die Augen wieder aufschlug, erkannte ich den Professor.
“Können Sie mich hören?” schrie er mich an.
“Ja, aber Sie brauchen nicht so zu schreien.”
“Wissen Sie, wer Sie sind?”
“Ja, ich wusste es nie besser. Aber was ist mit mir passiert?”
“Sie haben im Koma gelegen. Drei Monate im Koma. Wir waren kurz davor, alle Hoffnungen aufzugeben. Wollten die Maschinen schon abschalten. Doch vor einer Stunde fingen Sie plötzlich an zu schwitzen. Dann ist wer weiß was mit Ihnen passiert. Ich habe dafür keine Erklärung.”
“Ja, ich saß im falschen Zug. Ich hatte keine Fahrkarte. Keine verdammte Fahrkarte.”
“Keine Fahrkarte?”
“Nein, Herr Professor, keine Fahrkarte.”
“Schlafen Sie jetzt. Sie müssen sich schonen. Wir reden heute Abend weiter.”
“Schlafen? Nein, Herr Professor. Geschlafen habe ich lange genug. Ich will nicht mehr schlafen. Bringen Sie mir bitte einen Kaffee.”

Wasserdirne

Ich wurde an einem Montag geboren. Mit den Füßen zuerst. 30 Jahre später ging ich auf eben diesen Füßen aus dem Haus, in dem ich bisher mit einem Mann gelebt hatte. Ich hatte ihn umgebracht. Ich wollte ihn nicht mehr. Mein Koffer wog nicht schwer. Ich ging ohne Last. Wenige Minuten nur stand ich an der Bushaltestelle, dann sollte die Reise meines Lebens beginnen.

Die vom Staub zerfressenen Häuser gleiten an mir vorüber. Ich sehe weder Fenster noch Eingänge. Schließlich verschwimmt die Häuserfront zu einer aschfarbenen Masse. Der Blick nach vorn bleibt an dem Arm des Busfahrers hängen. Ich betrachte ihn. Ich werde winzig klein, spaziere auf diesem Arm, die Haare wie Bäume, aber ohne Schatten. Schweiß erschwert das Laufen, macht den Boden rutschig. Dieser Mann hat Angst. Ich rieche sie. Angst macht schwach. Ich kenne keine Angst. Ich versuche das Gesicht des Mannes zu sehen, lande auf seiner Hand. Dunkle Augen, die böse blicken. Die Haare unter einer Mütze verklebt. In seinem Hemd die Schachtel Zigaretten, die ihm seine Frau gekauft hat. Bevor oder nachdem sie ihn betrogen hat?

Der Bus fährt nicht weit. Ich muss umsteigen. Ich verabschiede mich nicht vom Busfahrer. Er wird sich nicht an mich erinnern. Er wird sich auch schon bald an seine Frau nicht mehr erinnern. Sie wird vergessen sein. Tot. Er wird kein Busfahrer mehr sein. Er wird nie erfahren, dass er eine Mörderin auf dem Arm hatte. Seine Mörderin. In seinen Haaren ist sie umherspaziert und hat gewusst, dass seine Frau ihn betrog. Der neue Busfahrer wird sich an mich erinnern. Ich habe einen Plan.

Was macht die Kunst?

Neulich sah ich sie. Etwas verloren wirkte sie, so als wüsste sie nicht, wo sie hin will. Entmutigt, als hätte sie schon zu lange auf irgendwas gewartet. Sie schlich die wenig belebte Straße entlang, blieb dann und wann stehen, schaute sich um, und ging weiter. Ich sehe sie fast immer hier in dieser Straße. Noch nie habe ich mich getraut sie anzusprechen oder ihr zuzunicken, wie man das so tut, bei Leuten, die man eigentlich nicht kennt, aber ständig sieht. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn sie nicht mehr da wäre, würde ich sie vermissen.

Als Kinder haben wir uns über sie lustig gemacht. Wenn wir auf dem Bordstein saßen oder Steine durch die Gegend kickten, stolzierte sie mit ihren roten Stiefeln, eingehüllt in einen schwarzen Mantel, aus dem Haus, warf uns einen kühlen Blick zu und verschwand hinter der nächsten Häuserecke. Einmal sind wir ihr hinterher gerannt, bis zur Bushaltestelle, haben dumme Sprüche gerufen, dann baute sie sich vor uns auf, öffnete ihren Mantel und zeigte uns, wofür manch einer Höchstpreise zu zahlen bereit war. Wir waren fortan kuriert.

Die nun einsetzende, heimliche Bewunderung wandelte sich mit heranreifender Jugend zu verstecktem Begehren. Sie war der Grund für all meine unruhigen und schlaflosen Nächte. Meine Mutter gab mir Baldrian, mein Vater eines seiner Magazine. Nichts half. Ich sparte jeden Pfennig und machte mich in Gedanken schon auf den Weg zu ihr. Allein - ich bin diesen Weg nie gegangen. Mir fehlte der Mut.

Immer saß ich am Fenster und wartete. Wenn ich sie dann endlich sah, ging es mir keineswegs besser. Ihr Anblick bereitete mir Schmerzen. Sie brachte mich körperlich und emotional in einen äußerst bedenklichen Zustand. Ich wurde krank.

Die Genesung dauerte lange. Irgendwann fand ich mich damit ab, dass sie unerreichbar war. Es genügte mir, sie dann und wann die Straße entlang schreiten zu sehen. Ich verlor mich in Träumereien, tauchte ein in eine Welt fern jener fahlen Wirklichkeit. Um meine billigen Bedürfnisse zu befriedigen, fand ich Ersatz. Sie jedoch war mir teuer. Sie geisterte durch meinen Kopf. War mir ewiges Geheimnis. Sie änderte ihre Gesichter, ihre Kleidung, ihre Schuhe.

Mein bester Freund war mutiger. Er war bei ihr. Als er zurückkam, sagte er nur, er habe mehr erwartet. Ja, man erwartet immer eine Offenbarung.

Neulich sah ich sie. Ich weiß, die glänzenden Spuren, die ich noch an ihr zu entdecken glaube, sind nur die trügerischen Fährten meiner Erinnerung. Ihre Schuhe sind abgelaufen, ihre Kleider getragen, ihr Gesicht verlebt, die Augen umrändert, der Mund trocken. Sie ist eine traurige Gestalt. Alles an ihr ist so vertraut, ist wie ein Teil von mir. Manchmal frage ich mich, was wäre, wenn ich damals mutiger und bei ihr gewesen wäre. Es hätte alles zerstört. Fast schäme ich mich für mein jugendliches Verlangen. Heute schaue ich ihr mit stillem Blicke hinter her und frage mich noch immer, nach wem sie sich umschaut, wenn sie so verstohlen ihren Kopf wendet und den Blick in ihre verlorenen Augen frei gibt. Seit so vielen Jahren.

Kopflos

Die Zeiten waren andere. Dietrich von Hohenfels, berüchtigtster Raubritter von Burg Reichenstein, ritt aus, um zu tun, wozu er sich berufen fühlte. Er nahm, was ihm beliebte und tötete, was er hasste. All das tat er mit einem ständigen Grinsen im Gesicht. Selbst wenn er schlief, verschwand das Grinsen nicht aus seinem Gesicht. Das Blut seiner Opfer tränkt noch heute die Geschichten dieses Helden.

Eine jedoch ließ er leben: FrauvonWelt. Er raubte sie aus ihren Gemächern, nahm sie mit auf seine Burg und machte sie zur Burgherrin. Reichenstein wurde zur größten, schönsten und reichsten Burg des Landes. Neun Kinder, alles Jungen, wuchsen hinter den mächtigen Mauern heran. Ein Leben außerhalb gab es nicht für sie. Oft saßen sie auf den Mauern, schauten hinab auf den Rhein, mit seinen ewig unbezwingbaren Wassermassen. Sie schauten in den Himmel, sahen die Vögel, die ihnen Geschichten aus anderen Welten erzählten. Und sie sahen die Berge und Wälder, in denen sie so gerne gespielt hätten. Gefangen waren sie, gekettet an die Untaten ihres Vaters.

Dieser wurde seinen Ruf als mörderischer Raubritter nie los. Ständig versuchte man ihn und seine Familie auszulöschen. Zuviel Leid hatte er den Menschen angetan. Die Angriffe gegen ihn und die Burg wurden jedes Jahr schlimmer. Ein Verlassen der Burg war bald nicht mehr möglich. Wer es versuchte, fand sich schon bald an einem Baum hängend wieder. Als Dietrich von den Mannen des Königs gefasst wurde, ging ein seltsames Raunen durch den Felsen, auf dem Burg Reichenstein thronte. Der Himmel war schwarz. Der Tod war ihm nun sicher. Dietrich flehte nicht um sein Leben, jedoch um das seiner Söhne. Es sollte ihnen gewährt werden, so Dietrich es schaffe, mit abgeschlagenen Haupt an der Reihe seiner Söhne vorbei zu laufen. Der Kopf fiel und die Beine liefen.

Seine Söhne wuchsen heran. Seine FrauvonWelt war von diesem Tage an jedoch spurlos verschwunden. Niemand hat sie je wieder gesehen. Selbst ihr Leichnam wurde nie gefunden. Einige sagen, er habe sie mit sich genommen. Andere sagen, ihr Geist hause tief im Innern des Burgfelsen und warte auf den Tag, da Dietrich zurückkehren würde.

Hunderte von Jahren mussten vergehen, Mauern fielen ein, wurden aufgebaut und fielen wieder ein. Kriege wurden geführt und verloren. Dann kam E. Schmitz und kaufte die Burg. Immer wenn er durch die kalten Gänge der Burg schlurfte, grinste er. Selbst wenn er schlief, verschwand das Grinsen nicht aus seinem Gesicht.