FrauvonWelt denkt jetzt global. Sie plant einen Jobwechsel und auch bei der Suche nach ihrem Märchenprinzen kann weltumfassendes Denken nicht von Schaden sein. Ein Sprachkurs muss her. Aber welche Sprache kann wirklich hilfreich sein? Nach eingehenden Gesprächen mit Babsi und Tini (Susi ist immer noch nicht ansprechbar), ist man sich einig: Es geht derzeit eigentlich nur eins: Chinesisch.
Ist ja schön und gut, denkt FrauvonWelt, aber was soll ich mit einem Chinesen? Bei der Vorstellung vom Liebesakt mit einem Chinesen rutschen zumindest Babsi und Tini sich die Bäuche haltend unter den Tisch. FrauvonWelt wühlt währenddessen im VHS-Katalog, findet aber nichts. Da muss wohl jemand anderes her. Die Volkshochschule kann so etwas nicht. Dann ist es schließlich gefunden. Ein kleinesfeines Institut bietet fast in der Nachbarschaft Chinesischunterricht an. Nach dem Babsi und Tini sich beruhigt haben, entschließt man sich noch schnell einen Cocktail zur guten Nacht zu nehmen und den bevorstehenden Neuanfang der FrauvonWelt entsprechend zu würdigen.
Was heißt eigentlich Erdnüsse auf Chinesisch?, fragt Tini nach dem dritten Cocktail und der zweiten Dose Erdnüsse. Dann liegt sie wieder unter dem Tisch.
Monthly Archive for März, 2007
In Wiesbaden lassen sich schicke Partys feiern, weil Wiesbaden schicke Wohnungen hat. Kirchensaalhohe Decken, Parkett und viel Design. FrauvonWelts Schuhe klackern schön auf diesem Bodenbelag. Babsi klackert mit. Susi turtelt daheim mit Samuel. Tini liegt auch im Bett, allerdings mit Grippe. Also klackern FrauvonWelt und Babsi allein über Wiesbadens Parkett. Die Sektgläser tönen klangvoll, das Chili ist ein Genuss, die Apfelclafoutis ein Gedicht.
Es hätte ein schöner Abend werden können, wäre da nicht diese Wollmütze gewesen. Die Augen darunter bissen sich in Babsis Ausschnitt fest und schienen diesen Anblick nur langsam zu verdauen. Und Babsi gefiel es. Sie leistete gern Verdauungshilfe. FrauvonWelt suchte Babsi abzulenken, erfolglos. Babsi schien von Cupidos Liebespfeilen getroffen, wie einst die holde Psyche.
Je feuchter die Augen der beiden, desto mieser wurde die Laune bei FrauvonWelt. Warum verliebt sich alle Welt, nur sie nicht? FrauvonWelt verließ die Party allein. Wo war nur ihr Märchenprinz?
FrauvonWelt hat die ersten Schritte vor die Tür gewagt und Schneeflocken gesehen. Zwei Stück. Mund auf, weg damit. An Susi und Samuel hat sie dabei gedacht und sich fast verschluckt. Susi hat es getan. Sie haben es getan. Sie haben es wirklich getan. Fassungslos stiert FrauvonWelt auf die übrig gebliebenen Schneeflocken. Sie könnte sie alle fressen. Eiskalt.
Da FrauvonWelt mit ihrer Blessur nur die nötigsten Schritte vor die Tür wagt, hat sie mal wieder zu einem Buch gegriffen: Albert Sánches Pinol: Im Rausch der Stille.
FrauvonWelt liebt erste Sätze. Wenn sie gut sind. Wenn sie schlecht sind, hat das Buch keine Chance. Der Rausch der Stille fängt so an:
“Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wir denken. Und deshalb glauben wir, dass wir denen, die wir lieben, nie ganz nah sind.”
Das zweite Kapitel startet noch besser:
“In manchen Situationen verhandeln wir unsere Zukunft mit unserer Vergangenheit. Man setzt sich auf einen abgelegenen Felsen und ist bemüht, ein Bündnis zu schließen zwischen dem, was war – große Niederlagen-, und dem, was noch kommen wird – wahrhafte Finsternis.”
Das sind genau die Sätze die man braucht, wenn man wie FrauvonWelt malade und abgeschieden von der Welt auf dem Sofa rumkauert und verzweifelt nach den Zyankalikapseln sucht. Und sie liest und liest und liest. Zwei Männer, eine einsame Insel, ein weibliches Wesen. Sie führen Krieg, machen Sex und auch sonst alles falsch. Wie immer eigentlich und doch so spannend so außerordentlich so mitziehend so atemraubend so umwerfend so unerhört so richtig gut.
“Die Sonne sank.” So endet der Roman. Und FrauvonWelt hat die verdammten Kapseln immer noch nicht gefunden.
Susi, Tini und Babsi kamen, nachdem sie von dem Unglück erfahren hatten. Sie standen in der Tür, blickten erschrocken auf FrauvonWelt, schauten sich betroffen an und prusteten dann los. FrauvonWelt war nicht in der Stimmung mitzulachen, verschwand in die Küche, hockte sich auf ihren rosa Plüschsessel und schmollte.
Glaubt ja nicht, dass ich euch nen Kaffee oder irgendwas anbiete. Ihr könnte gleich wieder verschwinden, wenn ihr nur gekommen seid, um euch lustig zu machen.
Sofort stürmten die drei ulitmativ besten Freundinnen in die Küche. Sie hatten verstanden. Es war ernst. Babsi griff sofort zur Pfanne, um das ultimativ beste Tröste-Ei zu braten. Tini griff zur Teekanne und Susi holte die Taschentücher. FrauvonWelt schaute kurz auf, sah ihre Freundinnen in Aktion und schmunzelte.
So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Aber was mach ich nur heute Abend mit Samuel? Endlich hat er mich zum Essen eingeladen und jetzt das. So kann ich doch unmöglich dahin gehen.
Warum nicht?, fragte Tini, dann habt ihr doch gleich ein tolles Gesprächsthema.
Was ist mit Überschminken?, wollte Babsi wissen, die gerade vier Eier in die Pfanne gehauen hatte.
Susi, die sich erst einmal die Nase schnäuzte, meinte nur: Soll ich dich vertreten?
Ihr seid Freundinnen, stöhnte FrauvonWelt, griff zum Spiegel und starrte auf das inzwischen gelbblau schimmernde Matterhorn auf ihrer Stirn. Dann dachte sie an ihren Rückwärtsgeher. Wäre sie rückwärts gegangen, hätte sie die Beule jetzt am Hinterkopf und ein Problem weniger. Aber sie ist nun mal nicht rückwärts vor die Glaswand gelaufen. Folglich hatte sie jetzt ein Problem: Samuel. Dann schaute sie auf Susi.
Susi, deine Idee ist vielleicht gar nicht so schlecht. Du gehst für mich!
Ich? Spinnst du? Ich hab doch nur nen Scherz gemacht.
Ja, ich weiß, aber ich mein es jetzt ernst. Du gehst für mich mit Samuel essen.
Babsi stellte die Eier mit den Worten, dann brauchst du ja jetzt keine Eier mehr essen, auf den Tisch.
Susi, die die Vorstellung mit Samuel essen zu gehen, eigentlich gar nicht so blöd fand, war aber anderer Meinung und nahm sich gleich zwei Eier. Im Gegenteil, wenn ich gehe, muss ich mich jetzt satt essen. Ich kann doch bei einem Rendezvous nicht meine üblichen Mengen verputzen. Das schlägt doch jeden Mann in die Flucht.
Da hast du auch wieder recht, gestand Tini, gab ihr auch noch das dritte Ei und griff zu den Erdnüssen, die im Regal standen.
Allein FrauvonWelt schlürfte ihr wie immer wunderbar gebratenes Spiegelei und war eigentlich jetzt ganz zufrieden mit dem Stand der Dinge. Nun könnte sie sich wieder mit ihrem Eisbeutel aufs Sofa kuscheln und Susi würde einen vielleicht schönen Abend mit Samuel verbringen. Sie selbst würde das irgendwann nachholen. Samuels gibt es schließlich viele.
So lauteten die tröstenden Worten ihres einst besten Freundes. Kein gebratenes Ei, kein heißer Tee, nein, nur diese Worte. Und das, wo sie doch immer noch leicht angeschlagen durch diese Welt spazierte. Zwar hatte sie ihre Sehfähigkeit wieder erlangt, doch das reichte in der heranschleichenden Dämmerung, mit der sich dieser Tag verabschieden wollte, scheinbar nicht aus.
Was war passiert? FrauvonWelt ist er unsinnigsten Erfindung der Welt näher gekommen. Sehr nahe. Schmerzhaft nahe. Die unsinnigste Erfindung der Welt ist die seitliche Abgrenzung einer Terrasse durch eine Glasfront. So etwas tut man einfach nicht. Man kann doch da keine Glaswand aufbauen, wenn dort Personenverkehr herrscht. Zumal ein Weg dort entlang führt. Und dann das. Mitten auf dem Weg plötzlich eine Glaswand. Den ganzen Tag lang war dort keine Glaswand. Auf einmal setzt die Dämmerung ein und die Glaswand steht da. Da muss man doch zumindest diese blöden Vögel draufkleben, damit man sieht, dass da was ist. Aber nein, keine Vögel. Nur diese Glaswand. Und FrauvonWelt. Sie hatte es eilig.
Die Begegnung war niederschmetternd. Für FrauvonWelt. Eisbeutel türmen sich jetzt auf ihrer Stirn. Darunter das Matterhorn in grün.
FrauvonWelt hat sich wieder beruhigt. Gemeinsam mit Susi plant sie die nächste Party. Wo geht man nur hin, wenn die Welt voller Ostereier hängt? Irgendwo muss doch mal wieder was los sein. Irgendwas, was nichts mit Ostereiern zu tun hat.
Davor graut ihr schon jetzt. Ostereierfrühstückstisch bei Mama. Die ewiggleichen Eierwärmer – gelbe Strickküken. Hat ihre Mutter schon von ihrer Mutter. FrauvonWelt hat schon darum gebeten, diese Küken eines Tages erben zu dürfen, um sie dann mit Scheren, Messer und anderen Mordinstrumenten bearbeiten zu können. Ihre Mutter, froh darüber, dass die niedlichen Dinger auch nach ihrem Tod noch Menschen erfreuen dürfen, hat gleich zugestimmt.
Und so wird es kommen: FrauvonWelt wird all ihre Kükenmordpläne beiseite schieben und jedes Jahr Ostern diese gelben Viecher über bunte Eier stülpen. In Gedenken an ihre Mutter. Möge sie noch lange leben.









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