Monthly Archive for Mai, 2007

Dunkle Gestalten

Berlin also. FrauvonWelt und Susi haben die Metropole erreicht. Alles ist nass. Die Hauptstadt trieft. Kreuzbergs Straßen ein Grau. Die beiden stürzen in den Würgeengel, der zu dieser frühen Stunde erst spärlich besucht ist. Der Tisch rechts vom Tresen empfängt sie träge. Susi lässt sich auf einen Stuhl fallen. Hier hat er gesessen, erklärt sie wortkarg und wird im gleichen Moment totenbleich.
“Susi? Was ist los? He, Bedienung, kann ich mal schnell ein Glas Wasser haben?”
Die Bedienung kommt gerannt und bringt das rettende Elixier. “Hier, trink! Und du leg ihr die Füße hoch. Ja, ja, das kenn ich. Der Kreislauf. Schon nen Schwangerschaftstest gemacht, Kleine? Was habt ihr denn für ne Tour hinter euch. Du bist ja völlig fertig.”
FrauvonWelt findet ein paar erklärende Worte, von wegen langer Autofahrt und Wetterumschwung und so. Aber die Bedienung ist eindeutig nicht von gestern. Sie kennt die Menschen, die hier reinkommen. Ihre Augen schauen tief. All die Gesichter mit all den Geschichten dahinter, sie kennt sie.
Susi kommt wieder zurück ins Leben und braucht jetzt was zu essen. Der große Tapasteller macht sie wieder gesprächig. Sie winkt die Bedienung zu sich. Dann erzählt sie ihr die ganze Tragödie. Die muss erst einmal lachen.
Das ist nicht euer Ernst? Du hattest einen One-Night-Stand in Berlin und suchst nun diesen Typen. Ach, Herzchen, hast du ne Ahnung wie viele Typen es in Berlin gibt? Hast du ne Ahnung, was in den Nächten dieser Stadt passiert? Wie viele verlorene Seelen hier gezeugt werden? In dieser Stadt kannst du nichts gewinnen. Vergiss den Typen, der dir dieses Kind gemacht hat. Fahrt wieder nach Hause.”
Susi, die gerade die letzte getrocknete Tomate vertilgt hat, sieht die Dinge allerdings ganz anders: “Ich denke überhaupt nicht daran. Ich will den Vater meines Kindes finden. Und ich weiß, ich werde ihn finden. Ich werde diese ganze verdammte Scheißstadt nach ihm absuchen. Ich werde jeden einzelnen Scheißtypen auf der Straße anquatschen und ihn fragen, ob er einen Künstler aus Schöneberg kennt. Ich suche ihn übers Radio und von mir aus auch übers Fernsehen. Ich will ihn finden. Und wenn es das letzte ist, was ich tue.”

Die Bedienung legt beide Hände auf Susis Schultern und fleht Beruhigung herbei. “Setzt dich wieder hin, Mädchen. Und dann wiederhol mal, was du da eben gesagt hast. Künstler aus Schöneberg? Hab ich da richtig gehört?”
“Ja, in seiner Bude standen zig Bilder rum. Er musste eine Ausstellung vorbereiten oder so was. Er hat viel erzählt von…”
“Unser Schneckchen”, fällt ihr die Bedienung ins Wort, “du hast dir tatsächlich unser Schneckchen geangelt. Das glaub ich ja nicht.”
“Du kennst ihn?” Susi springt auf, wird aber sofort wieder von den freundlichen Händen auf ihren Stuhl gedrückt.
“Ja, ich kenne ihn. Den kennt hier inzwischen jeder. Umso erstaunlicher, dass er sich hier n Mädel aufreißt, aber nun gut, du bist nicht von hier, wahrscheinlich hat er gedacht, er sieht dich nie wieder. Er war schon seit drei Wochen nicht mehr hier. Wahrscheinlich die Arbeit. Er sagt, die Geschäfte laufen gut. Er steht wohl kurz vor dem großen Durchbruch. Na, da kann er so was jetzt super gebrauchen. Ach, Mädchen, und jetzt soll ich dir wohl sagen, wo er wohnt?” Sie zögert, steht auf, kommt mit einem Stapel Postkarten zurück. “Hier, die sind von ihm. Da steht auch seine Adresse drauf.”
Susi nimmt die Postkarten. “Danke, vielen Dank. Wenn er nichts von mir und dem Kind will, ist auch okay, damit werde ich klar kommen. Er soll es nur wissen. Ich will auch kein Geld von ihm,” Susi macht eine lange Pause, die Tränen stehen ihr in den Augen, “ich will eigentlich nur einen Vater für mein Kind.”

Dreizehn Minuten später stehen Susi und FrauvonWelt vor seiner Wohnungstür. Die Nacht ist dunkel, der Regen hat aufgehört und es liegt eine samtige Reinheit über der Stadt.
“Nun klingle schon!”
“Nein, ich trau mich nicht.”
“Los, mach schon, sonst klingle ich.”
“Nein, Finger weg, ich weiß doch gar nicht, was ich sagen soll.”
“Egal, das weißt du in zehn Minuten auch nicht. Lass es auf dich zukommen. Ich klingle jetzt.”
“NEIN, tu das nicht. Ich muss das machen.”
“Okay, dann los.”
“Ich trau mich nicht.”
“Gut, dann ich.”
“NEIIIIN!”
Die Tür geht auf.
“Kann ich euch beiden irgendwie helfen? Was soll denn bitte das Geschrei hier vor meiner… DU??!!…Was machst du denn hier? Meine Güte kommt rein.”
Susi macht ein paar Schritte nach vorn und im nächsten Augenblick liegen sich die beiden in den Armen und ihre Lippen kleben aneinander.
FrauvonWelt, der Überflüssigkeit anheim gegeben, zieht die Tür langsam zu und denkt sich, dann geh ich mir halt die Berliner Nacht mal alleine anschauen. Sie spaziert zum Bahnhof Südkreuz und weiß eigentlich gar nicht wohin, als plötzlich neben ihr eine riesige, bucklige Gestalt aus dem Dunkel auftaucht.

Samuel ante portas

Ich schaff das nicht. Leise kamen diese Worte über seine Lippen. Er berührte sie ein letztes Mal fast unmerklich an der Schulter, dann nahm er seine Tasche und ging. Seit dem rinnen Sturzbäche aus Susis Augen.
Er ist einfach gegangen, schluchzte sie ins Telefon.
Okay, hab schon verstanden, bin gleich da.
FrauvonWelt als ultimativ beste Freundin sitzt zehn Minuten später neben dem, was früher einmal Susi war und muss dank ihrer emphatischen Ader gleich Mitheulen. Außer Wasser ist aus Susi gerade nichts heraus zu bringen, weswegen FrauvonWelt erst nach einer halben Stunde erfährt, was nun schon wieder geschehen ist bei ihrer Katastrophenfreundin. Nachdem diese sich wieder unter Kontrolle hat, sprudelt sie los. Von Samuel, wie er sich bereit erklärt hat, trotz des Kindes von einem fremden Mann bei ihr zu bleiben, wie er ihr geschworen hat, dass sie es zusammen schaffen werden, wie er die Hand auf ihren Bauch gelegt hat und meinte, er könnte schon was spüren, und wie er manchmal nachts ganz allein in der dunklen Küche saß und nichts tat, wie zögerlich er sie in den letzten Tagen in den Arm nahm, wie er abends einfach weg blieb ohne eine Nachricht. Bis heute, als er schweigend seine Sachen packte und dann sagte: Ich schaff das nicht.

FrauvonWelt blickt Susi an, Susi blickt FrauvonWelt an: Kommst du mit mir nach Berlin?
FrauvonWelt bittet um eine Wiederholung der Frage.
Kommst du mit mir nach Berlin?
Nach Berlin? Berlin macht schwanger. Jetzt ist sie völlig durchgeknallt, denkt FrauvonWelt, oder die Hormone, oder was auch immer. Nach Berlin? Den Vater suchen? Wie soll denn das funktionieren? Du kennst ihn nicht. Du weißt nicht, wo er wohnt. Du weißt nicht einmal, wie er heißt. Du weißt nichts, nichts, nichts. Wie willst Du so jemanden in Berlin finden?
Susi lässt sich nicht abbringen. Sie will nach Berlin. Mit oder ohne Freundin. Egal. Das Kind hat einen Vater und der soll das gefälligst auch wissen. Irgendwie wird sie ihn schon finden. Sie geht einfach dahin, wo sie ihn kennengelernt hat.
Och, Susi, nee, das ist totaler Schwachsinn. Komm, wir reden Morgen darüber. Wenn ich dir diese bekloppte Idee nicht ausreden kann, dann fahre ich halt mit, sonst kommst du wieder und kriegst zwei Kinder.

Das Mädchen mit den Kuhaugen

Man hat die Männer vor ihr gewarnt. Ohne Erfolg. Sie würde die Männer schla*chten. Das stimmt nicht wirklich. Zumindest hat es noch keiner bereut. Jetzt bricht FrauvonWelt ihr Schweigen und berichtet von den Anfängen:
Das Schla*chten liegt mir in den Genen. Als Metzgerstochter, die ich nun mal bin, waren mir gleichsam Messer, Elektrozange und Borstenbrenner in die Wiege gelegt. Und kaum konnte ich mich auf den Beinchen halten, schauten meine Äuglein (wahrscheinlich haben sie dabei ihr Wachstum beschleunigt) dem Entstehen von Schnitzel und Co mit größter Aufmerksamkeit zu. Bald schon fanden die Schlachterkittel Gefallen daran, mir die heraus gestochenen Kuhaugen vor die Füße zu kullern. Ich spielte eine Zeit lang damit, war aber von den Rolleigenschaften (die Sehnen waren nicht sauber abgetrennt) nicht sonderlich überzeugt und fand die Dinger dann langweilig. Bis eines Tages (ein großer Tag) der Biologieunterricht mehr Anschaulichkeit verlangte – zumindest war ich dieser Auffassung. Die Augen in der Tüte marschierte ich in die Lehranstalt. Wir hatten Bio in der Fünften. In der Dritten saß ich beim Direktor. Wir kannten uns gut. Auch mit meinen Eltern pflegte er regelmäßigen Schriftverkehr. Wir plauderten sein übliches Geplauder, dann durfte ich nach Hause.

Nachdem meine Eltern mehrfach von der inzwischen wieder lebendigen Schleimmasse in meiner Tüte angezwinkert wurden, segneten sie mich mit ihren verständnisvollen wenn auch ermahnenden Blicken und fragten sich wahrscheinlich wie jeden Tag seit meiner Geburt: Was soll nur aus diesem Kinde werden?

FrauvonWelt ist sie geworden. Große Augen hat sie immer noch. Und die Sache mit dem Schla*chten: Männer, da kann sie nichts dafür.

Duft vergangener Welten

FrauvonWelt hat Männerbesuch. Ein Freund aus alten Tagen, mit dem sie vor fast zehn Jahren die Nächte zum Leuchten gebracht hat. Er scheint die Hitze der damaligen Zeit längst vergessen zu haben. Sie hingegen erinnert sich noch ganz genau an die Laufbahn jeder einzelnen Schweißperle auf ihrem Körper. Nur noch selten sind die Treffen, doch jedes Mal wünscht sie sich diese glitzernden Perlen auf ihre Haut zurück.
Er war pünktlich, sie nicht fertig. Die Haare noch, Lippenstift, welche Ohrringe? Oder besser keine? Wo sind die Schuhe? Das Parfum? Volupte? Ja? Ja. Fertig? Ja. Nein, doch nicht. Irgendwas fehlt doch bestimmt. Blick in den Spiegel. Tief Luft holen. Fertig. Ja. Wir können gehen.
Der Schlachthof Wiesbaden ist ein Etablissement besonderer Güte. Erst recht, wenn die Hofköche dort die Messer schwingen. FrauvonWelt lässt sich durch die düsteren Gänge führen, über schwarzen Beton, entlang eiserner Wände, spürt seinen Armdruck, seine Gedanken und muss leise lächeln. Die Plätze sind reserviert. Auf die Schlachtbank geführt zu werden, hat sich FrauvonWelt ungefähr so vorgestellt. Heute sind die Bänke gepolstert und statt Blut fließt Wein. Die Schlachter tragen weiße Schürzen und lesen Wünsche von den Lippen. Sie servieren ein Vier-Gänge-Vorspiel und wissen nichts von der Welt und ihren Augen, die nicht genug kriegen vom Vorblicken und Zurückschauen und Hineinsehen in seine Sehnsucht.

Der Rest ist Schweigen und Glitzern.

Karussell fahren

Endlich wieder Erdnüsse. Tini saß mit drei Dosen Erdnüssen auf Susis Sofa. Wenn es Probleme gab, gab es bei Tini immer Erdnüsse. Sie wollte sie eigentlich Susi schenken, doch Susi kann keine Erdnüsse mehr leiden. Jetzt in ihrem Zustand kann sie fast nichts mehr leiden, am wenigsten sich selbst.
Tini und FrauvonWelt bemühen sich, doch mit Susi ist derzeit nichts anzufangen. Erst Hü dann Hott, eben Heulen jetzt Lachen. Nichts ist richtig, alles läuft falsch. Und sie fühlt sich so ausgedehnt wie zwei Öltanks, dabei ist sie erst in der siebten Woche.
Morgen kommt Samuel zurück, dann will sie ihm alles erzählen, oder doch nichts erzählen, oder irgendwas erzählen. Sie weiß es nicht. Sie weiß nichts. Und sie weiß vor allem nicht, wer der Vater ist. Sie könnte Samuel freudestrahlend von der Schwangerschaft erzählen, er würde ihr einen Heiratsantrag machen und das Schloss im siebten Himmel buchen. Doch irgendwann würde der Kuckuck Flügel bekommen. Nein, die Sache mit dem Kuckucksei, dazu war Susi nicht fähig. Aber was dann? Die Wahrheit? Was war die Wahrheit. Wo war sie? Irgendwo in Berlin, das Wochenende war kurz, die Party lang, und dann war da dieser Typ, dieses Lächeln, sie haben getanzt, gelacht, er hat mit den Fingern ganz sanft über ihre Wangen gestreichelt, dann ist es passiert. Es ist einfach so passiert, wie es halt passiert, wenn man mal für einen kurzen Moment das Leben laufen lässt, wenn man das Karussell nicht anhalten kann oder will, die Augenblicke zu schön, als dass man noch an Morgen denken könnte.

Jetzt war Morgen. Und ihr kotzübel.

Dicke Freundinnen

FrauvonWelt geht ungern ans Telefon, sie will aber immer wissen, wer dran ist. Anrufbeantworter findet sie daher klasse. Über Leute, die nichts aufs Band sprechen, kann FrauvonWelt sich endlos aufregen. Nicht so über Susi. Susi sagt immer was. Susi kann überhaupt nur Atmen mit Sprechen. Gestern rief Susi an und sagte nichts.
Susi?
Ja.
Susi, nun sag schon, was ist passiert?
Hm.
SUSI, raus damit, ist was mit Samuel? Hat er ne andere?
Nee.
SUSI, nun red schon, bist du krank?
Nee, nicht wirklich.
Willst du vorbei kommen? Soll ich zu dir kommen?
Nee, nicht nötig.
SUSI, ich kündige dir hier und jetzt meine Freundschaft, wenn du mir nicht sofort sagst, was los ist.
Ich…ich bin schwanger!
Du bist was? Schwanger? Wow. Wie haste denn das gemacht, äh, ich meine, ist das schon sicher, warst du schon beim Arzt?
Ja, gestern.
Dann wirst du jetzt so richtig kugelrund? Cool. Und was sagt Samuel dazu?
Der weiß es noch nicht.
Wie? Warum? Warum weiß der es noch nicht? Der wird sich bestimmt riesig freuen. Das wird ein bestimmt ein toller Papa.
Er ist nicht der Vater.
Au scheiße. Das klingt jetzt aber nach Riesenproblem. Susi, du bleibst wo du bist. Ich bin in zehn Minuten bei dir und dann erzählst du mir alles.

Mannomann Walter

Die Füße dieses Mannes waren schon lange hin, nun hat auch der Rest von ihm das Stadium der Verwesung erreicht. Dr. Walter Waßmuth ist tot. Plötzlich und unerwartet erlag er den syntaktischen Reizen seiner Mörderin. Und nun fragen wir uns, wer war dieser Walter? Gerne trug er Sandalen, bevorzugt mit atmungsaktivem Fußbett. Wegen seiner Spreizfüße musste er auf Stöckelschuhe ganz verzichten. Welch eine Entsagung. Überhaupt seine Füße – der ganze Stolz dieses Mannes. Sein Ausspruch: “Oh Mann, qualmen mir die Socken!”, wird auf seinem Grabstein leuchten und ein Mahnmal für alle Weichfüßler dieser Erde sein. Hefeteigfüße, Hyperhidrosis, eingerissene Fingernägel – niemals stöhnte er, immer ertrug er seine Beschränkungen tapfer und gönnte sich auch mal ein Eis in der Waffel. Ein Mann fürs Gefühl war er, der auch mal weinen wollte. Das tut jetzt die Welt.
FrauvonWelt, die sich schon oft in die Arme Walters träumte, hockt nun da und versteht die Welt nicht mehr. Zarte Bande zwischen den beiden ließen hoffen auf ein Universum ohne apricotfarbene Dessous. Er muss seine jetzt nicht mehr tragen. Und FrauvonWelt schwört in Gedenken an Walter, vom heutigen Tage an nur noch schwarze Dessous zu tragen.

Mögen seine Füße nun ewige Kühle finden.