Monthly Archive for August, 2007

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FrauvonWelt sitzt in ihrem rosa Plüschsessel. Die Tasse Tee steht auf dem Tisch. Heiß. Dampfend. Frische Minze. Soll das Gehirn beruhigen. FrauvonWelt ist ganz ruhig. Ihre Hand schiebt langsam, ganz langsam die Tasse vom Tisch.

Das hat sie von ihrer Mutter gelernt. Age quod agis.

One night in Volxheim

Im trauten Rheinhessen sitzen, trinken, genießen. Ein traumhafter Hof, eine Weinverköstigung der Sonderklasse und ein Hotel als Gesamtkunstwerk.
Da sitzt FrauvonWelt. Die Sonnenbrille auf, lächeln hier, lächeln dort, noch blüht der Oleander, die Feigenbäume hängen voll, Steinkrüge mit Wasser, ein Klavier, eine Katze, Künstler, sie schaut.
Da trinkt FrauvonWelt. Erst weiß, fünf Gläser, vier mal Riesling, drei Anbaugebiete, riechen, schmecken, raten, ein österreichischer Pirat, Schüttelwasser. Dann rot, neun Gläser, zwei sind einer, die Wangen rot, Nummer drei ist der Pirat, Magnum reiht sich an Magnum, Doppelgänger entlarvt, vier ist nicht sieben, zwei nicht fünf, achtzig Punkte, sie lacht.
Da genießt FrauvonWelt. Knarrende Treppen, knarzende Flure, irgendwo scheppern die Ketten der Gespenster, ein Huibuh zischt durch die Nacht, das Bett steht schief, die Römer waren’s, heißes Wasser, nackte Füße auf Holz, die alte Straßenlaterne erhellt die Laken, sie schläft.

Was macht die Kunst?

Neulich sah ich sie. Etwas verloren wirkte sie, so als wüsste sie nicht, wo sie hin will. Entmutigt, als hätte sie schon zu lange auf irgendwas gewartet. Sie schlich die wenig belebte Straße entlang, blieb dann und wann stehen, schaute sich um, und ging weiter. Ich sehe sie fast immer hier in dieser Straße. Noch nie habe ich mich getraut sie anzusprechen oder ihr zuzunicken, wie man das so tut, bei Leuten, die man eigentlich nicht kennt, aber ständig sieht. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn sie nicht mehr da wäre, würde ich sie vermissen.

Als Kinder haben wir uns über sie lustig gemacht. Wenn wir auf dem Bordstein saßen oder Steine durch die Gegend kickten, stolzierte sie mit ihren roten Stiefeln, eingehüllt in einen schwarzen Mantel, aus dem Haus, warf uns einen kühlen Blick zu und verschwand hinter der nächsten Häuserecke. Einmal sind wir ihr hinterher gerannt, bis zur Bushaltestelle, haben dumme Sprüche gerufen, dann baute sie sich vor uns auf, öffnete ihren Mantel und zeigte uns, wofür manch einer Höchstpreise zu zahlen bereit war. Wir waren fortan kuriert.

Die nun einsetzende, heimliche Bewunderung wandelte sich mit heranreifender Jugend zu verstecktem Begehren. Sie war der Grund für all meine unruhigen und schlaflosen Nächte. Meine Mutter gab mir Baldrian, mein Vater eines seiner Magazine. Nichts half. Ich sparte jeden Pfennig und machte mich in Gedanken schon auf den Weg zu ihr. Allein - ich bin diesen Weg nie gegangen. Mir fehlte der Mut.

Immer saß ich am Fenster und wartete. Wenn ich sie dann endlich sah, ging es mir keineswegs besser. Ihr Anblick bereitete mir Schmerzen. Sie brachte mich körperlich und emotional in einen äußerst bedenklichen Zustand. Ich wurde krank.

Die Genesung dauerte lange. Irgendwann fand ich mich damit ab, dass sie unerreichbar war. Es genügte mir, sie dann und wann die Straße entlang schreiten zu sehen. Ich verlor mich in Träumereien, tauchte ein in eine Welt fern jener fahlen Wirklichkeit. Um meine billigen Bedürfnisse zu befriedigen, fand ich Ersatz. Sie jedoch war mir teuer. Sie geisterte durch meinen Kopf. War mir ewiges Geheimnis. Sie änderte ihre Gesichter, ihre Kleidung, ihre Schuhe.

Mein bester Freund war mutiger. Er war bei ihr. Als er zurückkam, sagte er nur, er habe mehr erwartet. Ja, man erwartet immer eine Offenbarung.

Neulich sah ich sie. Ich weiß, die glänzenden Spuren, die ich noch an ihr zu entdecken glaube, sind nur die trügerischen Fährten meiner Erinnerung. Ihre Schuhe sind abgelaufen, ihre Kleider getragen, ihr Gesicht verlebt, die Augen umrändert, der Mund trocken. Sie ist eine traurige Gestalt. Alles an ihr ist so vertraut, ist wie ein Teil von mir. Manchmal frage ich mich, was wäre, wenn ich damals mutiger und bei ihr gewesen wäre. Es hätte alles zerstört. Fast schäme ich mich für mein jugendliches Verlangen. Heute schaue ich ihr mit stillem Blicke hinter her und frage mich noch immer, nach wem sie sich umschaut, wenn sie so verstohlen ihren Kopf wendet und den Blick in ihre verlorenen Augen frei gibt. Seit so vielen Jahren.

format c:

Mitunter kommt man im Leben an einen Punkt, da stellt man fest: Nix geht mehr! Schaden begrenzen, Bedeutsames sichern und dann loslassen.

Arrivederci!

Kopflos

Die Zeiten waren andere. Dietrich von Hohenfels, berüchtigtster Raubritter von Burg Reichenstein, ritt aus, um zu tun, wozu er sich berufen fühlte. Er nahm, was ihm beliebte und tötete, was er hasste. All das tat er mit einem ständigen Grinsen im Gesicht. Selbst wenn er schlief, verschwand das Grinsen nicht aus seinem Gesicht. Das Blut seiner Opfer tränkt noch heute die Geschichten dieses Helden.

Eine jedoch ließ er leben: FrauvonWelt. Er raubte sie aus ihren Gemächern, nahm sie mit auf seine Burg und machte sie zur Burgherrin. Reichenstein wurde zur größten, schönsten und reichsten Burg des Landes. Neun Kinder, alles Jungen, wuchsen hinter den mächtigen Mauern heran. Ein Leben außerhalb gab es nicht für sie. Oft saßen sie auf den Mauern, schauten hinab auf den Rhein, mit seinen ewig unbezwingbaren Wassermassen. Sie schauten in den Himmel, sahen die Vögel, die ihnen Geschichten aus anderen Welten erzählten. Und sie sahen die Berge und Wälder, in denen sie so gerne gespielt hätten. Gefangen waren sie, gekettet an die Untaten ihres Vaters.

Dieser wurde seinen Ruf als mörderischer Raubritter nie los. Ständig versuchte man ihn und seine Familie auszulöschen. Zuviel Leid hatte er den Menschen angetan. Die Angriffe gegen ihn und die Burg wurden jedes Jahr schlimmer. Ein Verlassen der Burg war bald nicht mehr möglich. Wer es versuchte, fand sich schon bald an einem Baum hängend wieder. Als Dietrich von den Mannen des Königs gefasst wurde, ging ein seltsames Raunen durch den Felsen, auf dem Burg Reichenstein thronte. Der Himmel war schwarz. Der Tod war ihm nun sicher. Dietrich flehte nicht um sein Leben, jedoch um das seiner Söhne. Es sollte ihnen gewährt werden, so Dietrich es schaffe, mit abgeschlagenen Haupt an der Reihe seiner Söhne vorbei zu laufen. Der Kopf fiel und die Beine liefen.

Seine Söhne wuchsen heran. Seine FrauvonWelt war von diesem Tage an jedoch spurlos verschwunden. Niemand hat sie je wieder gesehen. Selbst ihr Leichnam wurde nie gefunden. Einige sagen, er habe sie mit sich genommen. Andere sagen, ihr Geist hause tief im Innern des Burgfelsen und warte auf den Tag, da Dietrich zurückkehren würde.

Hunderte von Jahren mussten vergehen, Mauern fielen ein, wurden aufgebaut und fielen wieder ein. Kriege wurden geführt und verloren. Dann kam E. Schmitz und kaufte die Burg. Immer wenn er durch die kalten Gänge der Burg schlurfte, grinste er. Selbst wenn er schlief, verschwand das Grinsen nicht aus seinem Gesicht.

Spaghetti carbonara

Susi will essen. Sie ist kugelrundschwanger und will nur noch essen. Am liebsten Spaghetti. Mit allem. Also hat FrauvonWelt eingeladen und kocht. Tini hat sich gleich mit eingeladen und fuchtelt die ganze Zeit nur an Susis Bauch rum. Spürst Du schon wie’s strampelt? Hat es auch manchmal einen Schluckauf? Ist es eigentlich ein Mädchen oder ein Junge? Hast Du gar keine Angst vor der Geburt?

Hier Tini, mach mal den Sekt auf. Susi setz mal Wasser auf und stell die Schüssel in den Backofen zum Aufwärmen. FrauvonWelt schneidet derweil den weltbesten, weil westfälischen Speck in kleine Würfel. Knoblauch wird geschält und auch winzig geschnippelt. Öl in die Pfanne, erst den Speck hinter her, etwas später den Knoblauch. Leicht knusprig werden lassen. Spaghetti kochen nicht vergessen. Und zwischendrin, ganz wichtig: Anstoßen. Worauf? Auf das kleine Strampelding in Susis Bauch.

Schüssel aus dem Backofen. Sahne hinein, drei Eier hinein, geriebener Pecorino hinein. Rühren, rühren, rühren. Spaghetti abgießen und zusammen mit den heißen Speckwürfelchen auch hinein in die große Schüssel. Pfeffern, noch mal rühren. Zwei Teller, einen für Tini, einen für FrauvonWelt. Susi kriegt die Schüssel. Auf das Strampelding. Prost und Guten Appetit!

Ich weiß nicht was soll es bedeuten

FrauvonWelt saß heute am Rhein und dachte an Heine. Wenn sie nicht weiß, was sie denken soll, oder welchen Gedanken zuerst, dann denkt sie an Heine. Viele seiner Gedichte kennt sie auswendig. Die hat sie irgendwann einfach mal gelernt, damit wenigstens etwas Ordnung im Kopf ist. Das hilft. So auch heute. Nein, FrauvonWelt singt das nicht:

Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan.

Man muss sie nicht stellen, die Schuldfrage.