Manchmal wünscht man sich, es würde schneien. Kleine, weiße, eisekalte Schneeflöckchen, die alles zudecken. Ganz still und leise legen sie einen Mantel des Schweigens über alle Webseiten. Unaufhörlich schlucken sie Farben und Töne, frieren alles ein. Lautlos wird das ganze Internet. Lautlos und alles weiß.
Danke.
Psssst, leise: Beim Phil schneit es schon…
… lautet die Überschrift der Anzeige. Genuss für die Sinne wird versprochen. Dann wird’s lecker: Cappuccino Peeling, Espresso Maske, Melange Creme, Latte Macchiato Bad. Alle Produkte auch für Zuhause liebevoll verpackt.
Vor wenigen (ganz wenigen) Stunden gönnte sich FrauvonWelt einen unfreiwilligen Selbsttest. Ergebnis: Heißer Kaffee ist definitiv nichts für die Oberschenkel. Tut weh, fühlt sich ekelig an, sieht unschön aus. Und die Jeans. Und der Pulli. Und der Teppich. Und die Papiere auf dem Schreibtisch. Und der Lieblingsfüller. Und die Nerven…und alles und überhaupt.
Kaffee sollte man nur trinken. Liebevoll verpackt in Schnabeltassen.
Jetzt ist es unverkennbar: ein Junge! Susi wedelt freudestrahlend mit dem neuesten Ultraschallbildchen herum und hüpft durch FrauvonWelts Küche.
„Susi, zeig mal her! Hmm, jaha, nenee, ich kann nichts erkennen.“ FrauvonWelt dreht das Bild in alle Richtungen.
„Egal, ich auch nicht. Ich hab es ja von Anfang an gewusst.“, grinst Susi.
„Am Anfang, meine Liebe, hast Du gar nichts gewusst. Wenn ich dich mal daran erinnern darf.“
„Ach, nun hör schon auf. Fang nicht schon wieder mit der Geschichte an.“
„Wieso? Die Geschichte ist doch schön.“
Susi lässt sich erschöpft in den rosa Plüschsessel fallen, dreht die Augen in Richtung Wölkchenhimmel und schwebt auf Wolke sieben davon. FrauvonWelts Worte „Denkst du oft an ihn?“ verhallen im Dampf des Wasserkochers. Sie gießt den Tee auf – Brennnesseltee. Und als ihr der zarte Duft in die Nase steigt, wird sie ein wenig nachdenklich: Wie das wohl ist, wenn man schwanger ist? Ob ich jemals Kinder haben werde? So eine richtige Familie? Mit Glück und Tannenbaum und Schulferien? Mit Haus und Hof und Familienauto vor der Haustür? Ein Mann fürs Leben? So für immer? Für den Rest des Lebens? Immer der selbe? Jeden Tag? Dreißig, vierzig, fünfzig oder gar sechzig Jahre. Nur ein Mann? Bis das der Tod uns scheidet?
„… Krankenwagen bestellen!“
„Was, was ist los?“ ruft FrauvonWelt sich hastig nach Susi umdrehend.
„Wenn Du nicht langsam mal den Tee…“
„Geht es Dir gut? Alles in Ordnung mit dir?“
„Jaha, alles in Ordnung. Bis auf den Tee. Den hätte ich jetzt gerne.“
„Ja, der Tee.“ FrauvonWelt lächelt entspannt, stellt die Kanne auf den Tisch und legt sanft eine Hand auf Susis Bauch. „Jag mir doch nicht so einen Schrecken ein. Ich hab schon gedacht…“
„Dass du gedacht hast, hab ich gesehen. An was hast du denn gedacht?“, will Susi wissen.
„Ach, weißt du, manchmal…“, mehr brachte FrauvonWelt jetzt nicht hervor.
„Ja, ich weiß schon.“, sagte Susi und wischte ihrer besten Freundin eine Träne von der Wange. „Ja, ich weiß.“
Meine Schwäche
war
mein Gefühl
der Überlegenheit
Das habe ich
überwunden
Jetzt bin ich
vollkommen
(Erich Fried)
Das beste Mittel gegen Herbstdepressionen oder Vorweihnachtsstress ist Himbeereis. Selbstgemacht. Und weil die Depressionen groß zu werden drohen, gibt es viel, sehr viel Himbeereis.
FrauvonWelt rennt in den Hof, holt acht Eigelb aus dem Hühnerstall und rührt diese zusammen mit Puderzucker schön cremig. Jetzt Sahne kochen. Ein ganzer Liter. Bisschen abkühlen lassen und dann mit der Eiermasse verrühren. Ja, genau über’m heißen Wasserbad. Pürierte Himbeeren oder Himbeerkonfitüre (geht auch) hinein. Rühren. Rühren. Ab ins Gefrierfach. Dann ins Bett, die Köchin, nicht das Eis. Sieben Stunden schlafen. Freudig aufspringen, Kühlschrank auf und … die Sonne lacht.
Im VitaVera in der Frankfurter Gutleutstraße trinkt man exquisiten Espresso. FrauvonWelt setzt sich auf einen der Barhocker (auf die sie immer leicht hinaufspringen muss, weil die viel zu hoch sind, als das man sich elegant setzen könnte) und greift zur Karte, die sie eigentlich gar nicht braucht, weil sie weiß, was sie will. Zwei italienische Augen blicken sie an und lächeln, wie nur die Augen eines Italieners lächeln können. FrauvonWelt visiert das Innere seiner Augen, lächelt gekonnt zurück und bestellt einen Espresso. Zum köstlichen Schwarz serviert Italo unverschämte Kaffeebohnen in Zartbitter. Während die exotischen Aromen des Arabica die Sinne FrauvonWelts gefangen nehmen, serviert Italo den zweiten. Auf Kosten des Hauses und mit einem Blick, der süchtig machen könnte.
Ich erinnere mich an die dunklen Straßen. An den matt beleuchteten Hauseingang, in dem sie auf dich gewartet hat. Die Begrüßung nur kurz. Du nahmst sie im Arm, schautest dich um. Wusstest um eure Verfolgerin. Ich sah euch so zum ersten Mal, und ich sollte euch so sehen. Die Inszenierung war schlecht, aber wirksam. Ich kannte den Weg, den ihr gehen würdet. Ich kannte euer Ziel. Du wusstest, der Schatten da hinten an der Hauswand war ich. Er kam, er verschwand, er folgte. Unablässig, längst wissend, was kommt, längst wissend, dass du weißt, dass ich weiß, und doch – ich folgte euch. Der Schmerz trieb mit gierigem Verlangen meine Schritte in eure Richtung. Der Wind zerrte an mir, als wolle er mich festhalten, dann wieder schob er mich vorwärts. Drei Figuren – ein Spiel.
Unweit einer Straßenlaterne bliebt ihr stehen. Eine Umarmung, ein inniger Kuss. Durch die Dunkelheit spürte ich deine Blicke, sie suchten mich. Fanden nichts. Es war der Moment, in dem die Schwärze der Nacht sich meiner Seele bemächtigte. Ohne einen Laut schrie ich die Hölle in die endlosen Straßen. Meine Hände krallten sich in die spitzen Ästen der Büsche, die mir Schutz seien sollten, doch jetzt meine Peiniger wurden. Das Blut war kalt. Ich schaute auf meine Hände, spürte nichts. Eine riesige Leere hatte mich gefangen genommen. Ich war allein. Ging durch mein Leben, als gehörte es nicht mehr mir. Die Straßen zogen mich an unsichtbaren Fäden durch ihre Endlosigkeit. Verloren. Dich.
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