FrauvonWelt hat die Koffer gepackt. Alle Schuhe sind verstaut, auch die neuen. Gesichert auch die Fleisch- und Pumpernickelvorräte der nächsten Monate. Ein letzter Blick in den Garten:
Dann hört FrauvonWelt den Hessenlöwen brüllen.
Auf geht’s!
FrauvonWelt macht sich schlau. Ein sauschlauer Ort, der abfärbt, ist das HNF in Paderborn. Derzeit lockt es mit einer Sonderausstellung: “Zahlen, bitte! Die wundervolle Welt von null bis unendlich.”
Da schlendert sie also vorbei am Vizeheliotrop des alten Gauß, schüttelt Euklid die Hand, löst mal eben den Großen Fermatschen Satz, hängt sich eine Fibonacci-Zahlenkette um den Hals, schnappt sich den Theodolithen und misst ihre Schuhgröße, geht mit Pythagoras Kaffee trinken, um dann mit Einstein in der Zeit zu verschwinden.
Dann entdeckt sie eine Zahl an der Wand. Eine große. Ganz schön große. Eine Eins mit hundert Nullen:1000000000000000000000000000000000000000000000000000000000
0000000000000000000000000000000000000000000.
FrauvonWelt findet das ganz toll. Den Namen, den sich ein kleiner Junge ausgedacht hat, auch: Googol. Der Junge saß wahrscheinlich gerade am Abendbrottisch, stopfte sich fünf Scheiben Fleischwurst mit Brot in die Schnute, als sein Onkel ihn fragte: Junge, wie soll denn die Zahl mit den hundert Nullen heißen. Alles was der Junge hervorbrachte war Googol. Was wahrscheinlich soviel heißen sollte wie: “Geh mir nicht auf die Nerven mit deinen Zahlen, Onkel.” Der Onkel notierte den vermeintlich kindlichen Geistesblitz und seitdem heißt diese wunderbare Zahl Googol. Jahrzehnte später nennt ein Suchmaschinengründer sein Kindchen Google.
FrauvonWelt wirft noch einen letzten Blick auf Googol und verlässt das Museum. Genialität kann auch in einem Butterbrot stecken.
FrauvonWelt wanderte heute Nachmittag ein wenig auf den Fährten ihrer und auch des geschätzten Herrn corax’ Vergangenheit. Denn irgendwann haben sich die Spuren der beiden einmal gekreuzt. Vielleicht sind sie sich schon einmal begegnet. Triftstraße Ecke Konrad-Korte, dort wo corax die Ferien bei seinen Großeltern verbringen musste, lag immerhin auf dem Weg zum Schwimmbad. Im Sommer radelte FrauvonWelt dort fast täglich vorbei.
Auf einem dieser Balkone saß also der gelangweilte corax und schaute in die Welt hinaus. Vielleicht radelte TeenievonWelt vorbei, sah den feschen Jüngling und dachte: Schade, warum kommt er nicht mit ins Freibad?
Aber er kam nicht mit ins Freibad. Stattdessen gönnte er sich ein kühlendes Bierchen an den Quellen des Jordans. Es gibt gewiss auch heute noch kein idyllischeres Plätzchen in diesem Städtchen.
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Aber im Gegensatz zu früher sieht es hier jetzt sehr viel aufgeräumter und heller aus. Egal, es ist immer noch ein Lieblingsplatz:
Der Löwe kommt leider nicht zum Trinken in den Jordanpark. Aber durchs Städtchen ist er trotzdem schon gewandert. Bis zu seinem gestrigen Tod stand er hier, dem Rathaus gegenüber:
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Als Herr Corax in der Stadt war, wird er noch hier gebrüllt haben, vor dem Eingang des Kurparks.
Aber hier wie überall gibt es Konstanten, was auch FrauvonWelt über alle Maßen freut. Neue Häuser werden gebaut, Bäume gefällt, Löwen versetzt, aber eines ist geblieben:
Mein lieber Herr corax, wenn Sie schon nicht mit mir ins Schwimmbad wollten, damals, hätten Sie mich ja wenigstens auf ein Eis einladen können. Da wir Westfalen ja bekanntlich überhaupt nicht nachtragend sind, hab ich Ihnen eines mitgebracht. Wohl bekommt’s.
Der Löwe ist tot. Tja. Die Ursache seines Todes ist noch unklar. Die Polizei tappt wie immer im Dunklen, vermutet aber wie immer einen hinterhältigen Mord. Die Spurensuche ist noch nicht abgeschlossen, erklärte ein Polizeisprecher am späten Abend. Augenzeugen berichten, eine Lady in Red habe gegen 18 Uhr den Löwen mit seltsamen Gräsern gefüttert und sei anschließend auf seinen Rücken gestiegen. Dort sei die Lady einige Minuten regungslos verharrt, bis sie dann die Mähne erklettert und mit einem doppelten Salto hinab gesprungen sei. Das habe sie dreimal wiederholt. Der Löwe muss dabei zuerst bekloppt und anschließend tot geworden sein. Die Polizei prüft noch den Geisteszustand der Zeugen.
Ein brandheißer Hinweis ist vor wenigen Minuten bei der Stadtverwaltung eingegangen:
Der Bürgermeister streitet indes alles ab. Die Polizei rätselt noch über den Absender, hält ihn aber vorauseilend erstmal für äußerst vertrauenswürdig.
Die zentrale Blumenbeetüberwachungskamera des Rathauses hat zudem Bilder aufgenommen, die eine verdächtige Person bei seltsamen Ausruhübungen auf dem Löwen zeigt. “Da liegt ja ne Frau.”, kommentierte Amtstubenaufseher Lüttenmeier das Bild.
Ein Fall, der Rätsel aufgibt. Sachdienliche Hinweise (bitte in achtfacher Ausfertigung) an jede Poizeidienststelle, jede.
Gestern, 18 Uhr (für Cara in Worten: achtzehn Uhr!!!) stürzte sich FrauvonWelt ins Löwengehege. Hier der Beweis:
Heute, 18 Uhr (für Cara in Worten: achtzehn Uhr!!!) wird sie die Wahnsinnsnummer wagen, ihn erklimmen und mit einem dreifachen Salto von seiner Mähne springen. Da die Aktualisierung der Webcam nicht ganz den auf der Webseite offenbarten Angaben entspricht (wie gestern festgestellt wurde), kann es sein, dass wesentliche Teile dieser waghalsigen Akrobatiknummer nicht im Bild festgehalten werden können. FrauvonWelt wird daher den Salto dreimal wiederholen. Dann muss es aber jeder gesehen haben!
Edit 17:24 Uhr: Noch Sonnenschein. Am Horizont türmen sich schwarze Wolken zu einem Ungetüm.
Edit 17:36 Uhr: Heute rote Jacke.
Edit 17:55 Uhr: Jacke an, los geht’s.
Edit 18:21 Uhr: Jacke zerrissen, Fuß gebrochen, Frisur ruiniert, dreifacher Salto gelungen, Webcam lahm gelegt - herrlich
FrauvonWelt ist im Pumpernickelland. Alle Schokohasen sind vorschriftgemäß getilgt. Alle Eier vernichtet. Was nun tun? Der Blick aus dem Fenster landet im Schneematsch und bleibt auf dem Rathausvorplatz hängen. Dort wo einst die ungarischen Mädels ihre Röcke schwangen, wartet ein einsamer Löwe auf Fütterung. FrauvonWelt kann ja Tiere nicht leiden sehen. Das liegt ihr wie so manch anderes im Blut. Also schreibt sie auf ihren Tagesplan: täglich Löwen füttern, 18 Uhr.
Zum Löwengehege geht es HIER.
Edit 17.11 Uhr: Sauwetter… Hm, kann sein der Löwe wird heut Hunger leiden…
Edit 17.43 Uhr: Sonnenschein… das wird ein Festmahl…
Edit 17.56 Uhr: Der Löwe brüllt… auf geht’s…
Edit 18.22 Uhr: Löwe satt…
Jesus’ Todestag war schon immer eine große Herausforderung für die kleine MetzgerstochtervonWelt. Denn wenn es irgendwo Arbeit gab am heiligen Karfreitag, dann in der Fleischerei. Da es ein Familienbetrieb war und ist, mussten alle mit ran. Das Ostergeschäft stand bevor und wer glaubt, die Geschäftswelt könne da mal locker flockig die Füße hochlegen, ein paar hartgekochte Eier genießen und am Samstag fröhlich an die Arbeit gehen, der hat den Karfreitag noch nicht in einer Fleischerei verbracht. All die Restaurants, Kliniken und Altenheime, all die Kunden, Kurgäste und Vorbeireisenden wollen am Samstag ihre Waren geliefert bekommen.
Also musste am Karfreitag gearbeitet werden. Die großen Fenster der Fleischerei wurden schon immer am Donnerstag mit weißen Leinentüchern zugehängt. Offiziell, um beim gläubigen Spaziergänger das Auslösen von Fleischhunger zu vermeiden, inoffiziell um überhaupt die Arbeit, die am Wochenende anstand, schaffen zu können. Unermüdlich musste die kleine MetzgerstochtervonWelt den Aufschnitt in die Kisten stapeln. Und immer wieder fragte die kleine MetzgerstochtervonWelt die große MamavonWelt: „Mama, was passiert eigentlich, wenn ich jetzt so ein Stück Schinken esse?“ „Probier’s doch aus.“ war jahrelang die Antwort. Die kleine MetzgerstochtervonWelt traute sich nicht. Jahr für Jahr war sie versucht, vom Schinken zu naschen, aber sie brachte es nicht fertig. Selbst der PapavonWelt aß an diesem Tag kein Fleisch. Die Oma sowieso nicht. Die war auch immer diejenige, die allen Sünde predigte: „Alles Sünde, was hier geschieht, alles Sünde, und so was am Tag des Herrn, alles Sünde.“ Sie half trotzdem mit.
Als die kleine MetzgerstochtervonWelt zehn Jahre alt war, hat sie die Sünde vollbracht. „Mama, ich ess jetzt den Schinken!“
„Lass es dir schmecken, Kind.“ war die Antwort. „Neiiihhhnn, Du hast wirklich den Schinken gegessen?“
„Ja, Mama, was passiert jetzt mit mir?“ fragte dann doch die von der eigenen Courage überwältigte MetzgerstochtervonWelt.
„Tja, jetzt wirst du erst grün, dann blau und dann landest du in der Hölle.“
Sie hatte recht, die MamavonWelt. Die Ereignisse traten nicht unmittelbar ein, aber FrauvonWelt kann heute sicher behaupten, all das durchlebt zu haben. Aber sie hat es auch überlebt - und daraus gelernt: Heute gab es Fischcurry.
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