Erst mal essen. Die Zornheimer Weinstube hat wie gewohnt die gelungenste Vorbereitung auf den Abend geboten. Riesengarnelen hier, Poulardenbrüstchen dort, beste Weine auf der schönsten Dachterrasse Rheinhessens. Dann, wie stets, die auf Gemütlichkeit eingestellten Leiber heben müssend, auf nach Ginsheim, der Perle der Toskana und so langsam auch das Eldorado für Bloggertreffen mit Gütesiegel.
Die Sonne schien noch sanft am Firmament, als Herr Grob schon anfing zu leuchten. Herr Grob, DER Herr Grob, der grandiose Herr Grob eröffnete ein Geschichtenfeuerwerk, dem FrauvonWelt nur unter Tränen folgen konnte:
Weiche Knie bekam FrauvonWelt dann als Viktor Vaudeville mit seinen blitzblanken Schuhen das Parkett polierte und mit seinem neuesten Song „Dich“ die Damenwelt im Mikrosekundentakt eroberte. Da für diesen Mann jede Bühne zu klein ist, gab er auch sogleich den stagediver. Die begeisterte Menge trug den Jahrhundertchansonnier auf Händen und feierte ihn minutenlang mit berauschendem Gelächter. (Ettore, Sie hätten ihn sehen sollen. Sie hätten ihn sehen sollen!) Er kam, sah und tanzte einfach los: Viktor Vaudeville. The one and only!
Und dann das auch noch: Erdge Schoss. Auch wenn FrauvonWelt seine Geschichten schon auswendig kennt, manch eine Zeile so vertraut klingt, als hätte sie sie selbst geschrieben, ihr die Figuren aus dem erdgeschossrechts auf eine ganz eigene Art und Weise bekannt vorkommen, so als würden sie ihr fast täglich über den Weg laufen – niemals, niemals hört sie sich satt an seinen Geschichten. Denn mit jedem Lesen schafft er es, sich selbst zu überrunden.
Meine Herren, MERCI für die grandiose Vorstellung!
Viktor, ich wart auf Dich!
FrauvonWelt hängt total hinten dran. Ein grandioses Essen unterm Nussbaum am Freitag, eine zum himmelschreiende Lesung am Samstag, ein Sonntag, der wie Blei durch die Adern suppt.
Nun erst mal ein paar leckere Impressionen vom Nussbaummenü:
Zur Begrüßung ein Schlücken Blubberwasser:
Zum Warmwerden ein Süppchen:
Zum Reinsetzen eine Fischterrine:
Zum Munkeln was im Dunkeln:
Zum Fingerablecken ein Hirschlein:
Zum Aufräumen ein Tisch:
Zum Dahinschmelzen ein Rosmarineis:
(Hatte leider keiner Zeit zum Fotografieren.)
FrauvonWelt ist eine leidenschaftliche Gernekocherin. Gäste einladen, lecker essen, gut trinken, sind ihr das zweitliebste Hobby. Heute auf der Gästeliste: L + A + S + J + M + T. Das Zusammenkommen in dieser Runde ist ein höchst bewährter Klassiker. Man trifft sich untern Nussbaum. So sagt man, und so muss es sein. Der Menüplan verspricht folgendes:
Gurkensüppchen mit Lachs
*
Fischterrine
*
Hirschkarree mit spanischen Kartoffeln
*
Rosmarineis mit Apfelbällchen
*
Zitronenkuchen
zum Espresso
Fünf Gänge, sechs Gäste, sieben Uhr geht es los. M + T bringen die Weine mit. Überraschung. Wenn FrauvonWelt bis dahin ihre Kamera wieder gefunden hat (nein, sie verschlampt ihre Sachen nie, das ist ihr Hausgeist), wird sie den einen oder anderen Teller fotografieren.
Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.
Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:
dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen…
Als ich dieses Gedicht zum ersten Mal las, dachte ich: Schon wieder so einer, der meint er wär ein Dichter, wär er besser Klempner geworden, die müssen nur Rohre dichten. Besonders bei den letzten Worten krieg ich ‘nen Schreikrampf. Einsamkeit, die mit den Flüssen geht, ja, Sackzement, so einen himmelschreienden Unsinn schreibt ja noch nicht einmal der MC Winkel, und der schreibt viel. Gutes an den Versen stieg mir auch sonst nicht entgegen. Irgendwann erfuhr ich natürlich, dass es Rilke war, der das geschrieben hat. Fortan versuchte ich die Zeilen anders zu lesen, was nicht gelang. Fazit: Entweder man ist Dichter, Klempner oder Rilke.
Fragen wir beim Grundwortamt nach, die müssen es ja wissen: Hochgeschätzte Cara, ich bitte inständig um Ihre fachkundige Meinung. Ist das ein Gedicht oder ein undichte Stelle im Gesamtsystem?
Die Johannisnacht in Mainz hat einiges zu bieten: Künstlermarkt, Theater, Kabarett, Büchermarkt, Gautschen, Kulinaria, Getränke auch. All das und noch viel mehr. Bleibenden Eindruck bei FrauvonWelt hat in diesem Jahr aber nur das Riesenrad gemacht. Kurz war sie versucht, die Einladung zum kreisenden Höhenflug abzulehnen. Aber sein Blick duldete keinen Widerspruch. Also klackerte FrauvonWelt am Arm des heißbegehrten Mannsbildes elegant zur Gondel und ließ sich hingebungsvoll in den sternenklaren Nachthimmel heben.
Oben hätte sie fast gekotzt. Sie hielt sich tapfer zurück. Ihre Begleitung genoss die Aussicht und bemerkte ihr grünes Gesicht zum Glück nicht. Nur noch fünfzehn, gefühlte fünfhundert, Runden zu überstehen. Kinderspiel, wie Karusselfahren ja sowieso. In ihrem Magen kugelten 22 noch heiße Poffertjes durch ein Gemisch aus Riesling und Chardonnay. Immer tiefer sackte FrauvonWelt auf der Sitzbank, immer grüner ihr Gesicht. Ich will hier raus, war ihr einziger Gedanke. Oh Gott, nun habe ich den vielleicht charmantesten Junggesellen des Universums in der Gondel und bin kurz vorm Tod. Das kann doch wieder nur mir passieren. Holt mich hier raus! Lasst es enden, bitte, lasst es jetzt enden. Ich kann nicht mehr. Und wenn es George Clooney oder MC Winkel persönlich wären, ich muss hier raus. Oder sterben. Hätte ich nur nicht diese komischen Dinger gegessen, diesen Wein getrunken. Ach, wäre ich doch nur nicht auf dieser Welt. Gleich springe ich. Oh je, jetzt guckt er auch noch. Nein, guck weg, guck woanders hin, nicht zu mir, bitte nicht. Nein, nicht ansprechen. Guck in den Himmel, träum von mir oder von einer anderen, mir scheißegal, ich will dich nicht, nicht hier, nicht jetzt, nicht später, ich will hier raus. Jetzt.
Dann fing er auch noch an zu reden, wollte Dinge wissen, an die FrauvonWelt in diesem Augenblick zu denken nicht fähig war. Die weitere Abendgestaltung. Weil doch die Sommernacht so lau, die Lichter so glitzerig und die Stimmung so romantisch.
Das war nun wirklich kein Thema für die grün angelaufene FrauvonWelt. Sie wollte nur überleben. Was sie tatsächlich auch tat. Aber mehr auch nicht. Die weitere Abendgestaltung bestand in einem raschen Nachhausekommen, einer Flasche Mineralwasser, Füße hoch und im Sitzen einschlafen.
Der Samstag kann kommen. FrauvonWelt ist gekleidet. Und natürlich gespannt auf die Wortakrobaten, die ohne Netz und doppelten Boden luftigste Höhen erklimmen. Zum einen der schnuckelige Herr Schoss, von dem FrauvonWelt noch keine Lesung im Kurshaus verpasst hat und noch immer anschließend mit ihm ein Gläschen Wein…
Zum anderen der bis dato ungesehene Herr Grob, mit dem FrauvonWelt noch eine Rechnung offen hat. Als Vogel- und Eichhörnchenimitator muss er noch einen nackten Ast finden, auf dem er sich niederlassen kann, damit die sagenumwobene Tilla Pe einmal mehr ihre Kunst unter Beweis stellen kann.
Es verspricht also wieder mal ein spannendprickelnder Abend zu werden. Halb neun im Kurshaus zu Ginsheim. Mitten in der Toskana des Nordens.
Es war Sommer. FrauvonWelt in parfümladenfarbener Stimmung. Sie betrat das Schuhgeschäft und ihre Augen waren sofort gefesselt. Die Begeisterung einer Frau für ein Paar Schuhe lässt für Stunden die Schmerzen an den Füßen vergessen. Die Schuhe müssen einfach passen. Die Schuhe müssen einfach bequem sein. Die Schuhe müssen einfach meine neuen Lieblingsschuhe werden. Die Schuhe müssen, müssen, müssen…
So kam es dann auch. Kaum zu Hause mit den Holzpantinen, drei mal durch die Wohnung geklackert und FrauvonWelt wusste: na, das wird ja ein schöner Sommer. Die eingearbeiteten Dehnungsfugen in der Holzsohle waren so wirksam wie Cool Water bei Männern mit Hyperhidrose. Auch das liebreizende Blümlein war alles andere als gut zu den Zehen. Der Sommer 2006 war zum Glück so verregnet, dass man derartiges Schuhwerk sowieso nur unter der Dusche hätte tragen können. Überall sonst wäre es zu kalt gewesen.
Die vielleicht zarteste Versuchung seit es den Plüschsessel gibt:
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