Von Natur aus sind meine Haare kastanienbraun, früher waren sie öfter rot oder schwarz oder braun. Mit dreizehn trug ich nur rosafarbene Klamotten, sogar rosa Chucks, mit vierzehn fing meine Grünphase an. Grün in allen Schattierungen, ich hatte eine grüne Reiterhose und grüne Schuhe. Mit sechzehn wurde ich schlampig, außer Jeans, Turnschuhe und Lederjacke ging fast nichts mehr. So ab zwanzig wurde es schwarz. Einziger Farbtupfer für lange Zeit: mein grüner Schal. Ich trage ihn heute noch (wenn ich Halsschmerzen hab).
Meine Hautfarbe ist weiß, aber da kann ich nichts für, im Sommer wechselt sie die Farbe, erst rot, dann braun, da kann ich auch nichts dafür. Mein Nägel male ich an, wenn ich Lust drauf habe. Meine Hose heute ist blau, die Socken passen zum T-Shirt und sind, hm, aubergine könnte man das nennen. Meine Schuhe sind gold, die Jacke lila (yes!). Mein Leben war bunt, ist bunt, bleibt bunt, denn bunt ist toll.

Menschen sind toll, gerade weil sie bunt sind. Bunte Menschen haben bunte Gedanken. Schwarzweiß-Denken ist gefährlich und dumm. Schwarzweiß-Denken grenzt ab und aus. Schwarzweiß-Denken hört genau da auf, wo Denken Sinn macht. Nur der rosa Gedanke vom Vormittag, vermischt mit dem grünen vom Mittag, übermalt mit dem blauen vom Nachmittag, ergibt vielleicht den einen Gedanken, der den Sternenhimmel zum Leuchten bringt. Schwarz und Weiß ergibt immer Grau.
Hand aufs Herz. Das hab ich nie gekonnt. Unbeweglich wurde ich geschaffen. Unbeweglich für die Ewigkeit. Hammer- statt Herzschläge waren das erste, was ich vernahm. Entschlossen schufst du meine Formen. Entschlossen, etwas Großes zu schaffen. Ich war wie Wachs unter deinen Berührungen. Aus deinen Händen wuchs meine Schönheit, anmutig, sinnlich, vollendet. Und doch hasse ich dich für diese Schönheit. Du wolltest die Vollkommenheit und wusstest nicht, wie sehr ich leiden würde. Wie sehr es schmerzt. Tag und Nacht waren wir zusammen. Du konntest dich nicht abwenden, nicht essen, nicht schlafen. Dein Opfer für mich? Für den Ruhm? Für die Liebe?
Du warst bei mir in jeder Sekunde. Deine Schweißperlen habe ich aufgesogen als Reliquien einer nie zu erreichenden Lebendigkeit. Soviel von dir steckt in mir, aber, Hand aufs Herz, ich bin nur ein Abbild. Deine Hände formten meinen Rücken, sanft glitten sie hinab, ließen mich ahnen, was Leben heißt. Ich spürte dein Beben, deinen Atem, die Wärme deiner Haut. Aber ich konnte dir nichts geben. War kalt. Bin kalt. Bin toter Stein. Vollendet schön zwar, und doch, Hand aufs Herz, ich bin nur ein Abbild.
Meister, warum hast du das getan? Meister, zerstöre mich und schenke der Liebe, die endlos war, Flügel. Lass nicht zu, dass fremde Hände mich berühren. Sie beschmutzen mich, dich. Sie sehen nicht, was passiert. Meister, befreie mich aus dieser Form und lass mich werden, was ich einst war: deine Liebe. Nur ein Gedanke. Ein einziger, endloser Gedanke. Komm zurück, Meister, und fange noch mal an. Nur eine Nacht. Nur einen Herzschlag. Schenk mir die Hand auf deinem Herzen.
So rufe ich ohne Stimme. Und so bin ich ewig traurig, weil du nicht mehr kommst. Ewige Nacht.

Die Münchener haben gewonnen, ich weiß, aber gefeiert habe ich das schon, ich wollte etwas anderes berichten. Die Münchener sind ein seltsames Völkchen. Immer wollen oder müssen die Sachen machen, die der Rest der Nation nicht versteht. Umgekehrt passiert das natürlich genauso. Der Rest der Nation macht auch oft Sachen, die die Münchener nicht verstehen. Das liegt aber ganz klar an den Münchenern und nicht am Rest der Nation.
Was haben sie also diesmal wieder angestellt? Sie haben ein Gesetz erlassen, oder eine Erlassung ersetzt. Sie, die Stadtvorderen, haben etwas, was bisher erlaubt war, nun verboten. Fortan ist es dem Einzelhandel verboten, seine Waren vor den Geschäften zu präsentieren. Warenständer jedweder Art haben vor den Geschäften nichts verloren. Passt nicht zum Stadtbild, so die Begründung.
Doch es gibt Widerstand. Auf der Webseite AUS FÜR RAUS sammelt Carmen Zarrin-Naal, die Inhaberin von Second Music Unterstützung und Unterschriften gegen den Beschluss des Stadtrates.
Ein paar Zeitungsberichte finden sich, aber im Web herrscht relative Stille, auch Twitter weiß nichts von der Angelegenheit. Also geben wir mal Gas. Schließlich liebe ich dieses Städtchen mit seinem seltsamen Charme, bei dem man nie weiß, ob man bleiben soll oder besser gehen muss. Shopping in München ist fast so schön wie Shopping Berlin. Stöbern auf der Straße, in alten Bücherkisten, in bunten Kleiderständern und auf wilden Tischen. Sich locken lassen von Angeboten und Dingen, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gibt. Die Welt entdecken - wo, wenn nicht in den bunten Straßen unserer Metropolen?
Vor einigen Wochen entdeckte FrauvonWelt einen kleinen Außenbewohner an ihrem Häuschen - genau vor ihrem Bürofenster. Der sah so aus: Spider vor einigen Wochen.
Heute heißt das Krabbelding Hector und sieht so aus:

FrauvonWelt schaut jeden Tag nach Hector. Sie hat ihn lieb. In der vergangenen Woche hatte die Putzfrau Hector wunderbares Netz weggewischt, einfach so. Fenster geputzt, Netz weg. Als FrauvonWelt das Dilemma sah, suchte sie in allen Ritzen nach Hector, er war weg. Es ist nicht schön, etwas zu verlieren, was man lieb hat. FrauvonWelt war leicht betrübt. Doch welch eine Freude als am Abend Hector wieder aus seinem Versteck gekrabbelt kam und anfing, sein klebriges Netz neu zu spinnen. Noch größer und noch schöner als das alte. Jetzt konnte er noch mehr leckere Sachen fangen. FrauvonWelt war wieder glücklich. Dass sie ihr Büro nur noch durch die Tür lüften kann, verteidigte sie wie üblich mit den Worten: Mir doch egal!
FrauvonWelt tat Unglaubliches: Sie fuhr in ein Städtchen namens Vellmar, dort landete sie in einer Halle, dessen Namen sie sogleich wieder vergessen hat, und nahm Platz auf Sitz 39. Gleiches taten auch Stermann und Grissemann, mit Ausnahme des Platznehmens. Die Herren saßen, tanzten, rauchten und soffen auf der Bühne. Die dürfen das. Denn wenn die das machen ist das Satire und zum Lachen. Ja, FrauvonWelt hat gelacht. Das erste Mal in ihrem Leben.

Ja, mit dem Lachen muss man es ernst meinen. FrauvonWelt ist bisher von dieser Maxime nicht abgewichen. Sollte es ihr an diesem Abend zum Verhängnis werden? Die Polenpolkapuschen an den Füßen sollte ihr eigentlich nichts passieren können. Sie ist schnell, sie ist wendig, sie ist sich sicher. Und so lauschte sie konzentriert den Darbietungen der beiden Herren, dann und wann durchschüttelt von leichten bis mittelschweren Lachkrämpfen. Ein Kaltgetränk hob die Stimmung noch zusätzlich.

Doch dann geschah es. Die Vorstellung war aus. Stermann und Grissemann hatten keinen Bock auf eine Zugabe. FrauvonWelt dann doch eigentlich auch nicht. Auch wenn sie vorher zehn blöde Minuten lang geklatscht und so getan hatte, als würde sie die beiden gerne noch einmal sehen. Man kann ja mal irren. So verwirrt folgte FrauvonWelt einer folgenschweren Einladung in ein nahe gelegenes Wohnhaus eines dubiosen Paares. Sie betrat das kerzenilluminierte Haus zögernd und nicht ohne einen Blick auf die Polkapuschen. Würden sie halten, was sie versprachen - einst bei Neonlicht im Fachgeschäft?

Nun schummerte die Nacht mühsam durch das Kerzenlicht. Es gab heiße Getränke. Süß und schokoladig. FrauvonWelt witterte sofort die Kuh. So fängt man Mäuse, dachte sie und betrachtete lange die Gestalten an der Bar. Ein Herr mit Gehrock humpelte zum Kühlschrank, entnahm einen Kanister Mostgetränk und schenkte ein. Die Dame im steifen Tweed spülte das Glas auf ex leer. FrauvonWelt sicherte gedanklich den Fluchtweg. Man sprach über Geld und unfertigen Wein. Jetzt oder nie. FrauvonWelt rannte los. Sekunden später durchschnitt eine Tischplatte ihren Unterschenkel. Ein Schrei, ein Fall, da lag sie. Der Schmerz schepperte durch ihr Bewusstsein. Weitere Sekunden später war er da, der Notarzt.

Er hörte das Bein ab. Die beistehende Krankenschwester nickte verständnisvoll: Ja, Knochenschmerzen tun weh! FrauvonWelt fiel ins Koma, war sofort wieder wach und fiel wieder ins Koma. So ging das zwölf Minuten. Dann waren Arzt und Schwester verschwunden. Nur der Herr mit dem Mostgetränk und die Dame im dunklen Tweed lächelten müde über den Tisch. Es waren Stermann und Grissemann. Jetzt endlich mit Hilfe der Medikamente erkannte FrauvonWelt die beiden. Dann hatte sich das lange Klatschen ja doch gelohnt. Aber irgendwie hatte FrauvonWelt sich die Zugabe anders vorgestellt. Oder doch nicht?
Schalten Sie auch morgen wieder ein, wenn FrauvonWelt darüber schweigen wird, wie die Nacht weiter ging.
Werte FrauvonWelt,
jetzt kommen Sie mal schleunigst wieder her. Nur weil Ihnen ein CD-Regal auf den Kopf gefallen ist, müssen Sie ja nicht auf ewig in der Versenkung verschwinden. Hätten Sie das Regal halt gleich richtig festgeschraubt, anstatt erst mal so provisorisch mit den kleinen Nägeln. War ja klar, was dabei passiert, Sie dusselige Kuh. Aber nun stellen Sie sich mal nicht so an, so ein kleines Loch im Kopf, kann ja auch ungemein für Entlastung sorgen, außerdem brauchen Ihre Leser hier Unterhaltung, und was wäre da besser geeignet als eines Ihrer Missgeschicke?
Und den CDs ist ja schließlich nichts passiert. Die Macke im Laminat kriegen Sie auch ruck zuck wieder weg. Fragen Sie mal im Baumarkt, da gibt es so Laminatkratzerwegmachzeug. Neue CD-Regale gibt es auch überall. Gut, Ihr Kopf ist wahrscheinlich nicht so schnell wieder kratzfrei, aber dann benutzen Sie halt wenigstens die intakten Bereiche - sonst lasse ich Sie einweisen.
Herzlich
Ihre Chefin
Er reist durch die Welt und sorgt dafür, dass sie sich weiter dreht. Wenn auch Sie am Ende Ihres Lebens sagen wollen: Ja, ich habe ihn live gesehen!, dann machen Sie sich auf die Socken. Verpassen Sie ihn nicht. Noch tourt er durch Deutschland, doch bald schon wird die Welt nach ihm rufen. Dann wird er Clubs in ganz Europa ausverkaufen und die größten Arenen des Globus füllen. Die Menschen werden seine Worte auswendig und seine Lieder (die er bald schreiben wird) im Schlaf noch summen. Es wird schlimm für ihn werden, sehr schlimm, denn er kann Menschen nicht leiden. Er kann sie nicht leiden, doch braucht er sie um schreiben zu können.
Nächste Möglichkeit:
Taubenvergrämer und Houellebeck
17. Oktober 2009 | Black Box Münster | 20.00 Uhr
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