Als ich fünf Jahre alt war, wurde ich krank. Sehr krank. Die Krankheit hatte keinen Namen, aber ich konnte nicht mehr laufen. Mein Vater trug mich auf seinen Armen aus dem Haus. Erst in fünf Wochen würde ich wieder kommen. Im Krankenhaus war ich allein. Ich war fünf Jahre alt und konnte meine Beine nicht mehr bewegen. Ich war allein. Jeden Tag bekam ich zwei Spritzen in den Arm. Ich wusste nicht warum. Ich lag da und sagte nichts. Ich wusste nicht, was mit mir passiert. Ich lag da und wartete bis Mama kam. Dann weinte ich. Mama, warum kann ich nicht mehr laufen? Mama, nimm mich mit nach Hause.
Aber Mama durfte mich nicht mitnehmen. Ich blieb. Allein. Die anderen Kinder interessierten mich nicht. Ich interessierte sie nicht. Ich konnte nicht laufen. Ich spürte meine Beine nicht mehr. Irgendwann stellte ich keine Fragen mehr. Ich ließ alles mit mir geschehen. Jeden Tag die Spritzen, das war das Schlimmste. Die Oberschwester nahm mir meinen Stoffhund weg und setzte ihn auf die Fensterbank. Wie sollte ich da dran kommen? Mein Mutter hatte ihn mir geschenkt, damit ich wieder gesund werde. Wie sollte ich gesund werden, wenn der Hund auf der Fensterbank saß? Der Chefarzt konnte meinen Eltern nicht sagen, was mit mir los ist. Oder er wollte es nicht sagen. Schwierig sei das mit der genauen Diagnose, Knochenmarkentzündung oder sowas könnte es sein, genau weiß man es nicht. Ob ich je wieder laufen könne? Ja, wahrscheinlich schon. Man müsse Geduld haben.
Irgendwann stand ich wieder auf meinen Beinen. Spritzen bekam ich trotzdem noch. Essen musste ich nun im großen Speisesaal. Ich mochte das Essen nicht. Ich wollte nichts essen. Doch die Oberschwester ließ mich dort sitzen, vor meinem Teller. Erst, wenn ich aufgegessen hätte, dürfe ich den Saal verlassen. Ich aß nicht. Ich saß Stunden in diesem Saal, in dem inzwischen das Licht gelöscht war und der träge vor sich hin dämmerte. Mir war kalt. Ich konnte wieder laufen, aber ich durfte nicht.
Mittagsschlaf war oberste Pflicht. Auf der überdachten Dachterrasse lagen die Kinder aneinander gereiht und in Decken gehüllt auf ihren Liegen. Unten ging meine Mama über den Hof. Sie fuhr nach Hause. Als ich den Kopf hob, um nach ihr zu schauen, schmetterte es gleich eine Ermahnung. Hinlegen! Ich war fünf Jahre alt. Ich wollte nach Hause. Drei Wochen lang waren meine Beine gelähmt. Als ich wieder laufen konnte, musste ich still sitzen und liegen bleiben.
Nach fünf Wochen durfte ich an Mamas Hand nach Hause gehen. Nie wieder, schwor ich mir, gehe ich in ein Krankenhaus.
Krankheit ohne Namen (2)
Krankheit ohne Namen (3)









Du meine Güte!! Nun ist mir gleich doppelt so kalt. Ich mach mir noch ein paar heisse PET-Flaschen…
Wirklich sehr eindringlich erzählt! Da bekommt der Satz “Kinderlähmung ist grausam” eine zweite Bedeutung.
Oh mein Gott, wie furchtbar, wie gemein, wie gut, dass Mama heute mit im Krankenhaus bleiben darf!
aber dafür, liebe frauvonwelt laufen sie in ihrem leben nun wie der teufel. und der schnee knarzt beim laufen unter ihren stiefeln. was sind heute drei wochen, wenn doch das ganze leben ein laufrad ist….
das böse ist immer nur die triebfeder des guten, meine gutste…
Das, werte FrauvonWelt, tut mir wirklich sehr leid. Was für schlimme 5 Wochen!
Ja, was für schlimme, grausame fünf Wochen. Und sie sind tief eingeprägt und bewirken das, was Pssst! sagt, wenn man das positive sieht: diese böse Erfahrung hat Sie nach vorne gebracht, Ihren Willen gestählt, war die Triebfeder nach vorn!
wie grausam. wie kalt und wie düster. und so fesselnd. ich würde gerne wissen, wie es weitergeht!
Ich weiß nicht, wie man ohne das Kindliche leben kann, als überhaupt Erwachsener.
Solche Erlebnisse sind prägend für das ganze Leben. Zum Glück hat sich die Kinderpflege und -Behandlung in unseren Kliniken heute zum Besseren entwickelt - aber Ihre Geschichte rührt an, liebe FrauvonWelt. Kinder erleben Krankenhausbehandlungen vollkommen anders als Erwachsene. Zum Glück ist bei Ihnen ja alles gut ausgegangen…
Würde übrigens auch gut für ein Song geht um die Welt passen. Auf dass sich heute Kinder trotz Krankheit geborgen und geliebt fühlen können.