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Schick ihn in die Wüste

Susi hämmerte wie blöd an die Türe: „Mach auf. Lass mich rein.“
FrauvonWelt, die gerade aus dem Bad kam, stürzte zur Tür und wurde von ihrer panischen Freundin fast überrannt. „Wer hat dich denn gebissen?“
„Gebissen? Mich hat keiner gebissen. Aber ich könnte jemanden beißen.“ Susi ließ sich ins rosa Plüsch fallen und fing an zu heulen. FrauvonWelt griff zur Pfanne. „Spiegelei?“, fragte sie nur.
„Drei.“ gab Susi schluchzend zurück.
„Ohje, so schlimm?“
„Ich hab Schluss gemacht. Ich hab ihm gesagt, er solle aus meinem Leben verschwinden.“ Susi wurde wieder wütend und fing an in der Küche hin und her zu laufen und lautstark zu schimpfen.
„Herzlichen Glückwunsch, meine Liebe, klingt nach einem Glückstag. Nun setzt dich wieder hin. Hier, iss die Eier und dann erzähl.“

FrauvonWelt waren derartige Attacken und Anfälle ihrer Katastrophenfreundin Susi längst zur Gewohnheit geworden. Seit dem sie sich vor ewigen Jahren beim Frisör zum ersten Mal über den Weg gelaufen waren, gab es keine Woche, in der bei Susi nicht mindestens einmal die Welt und damit ihr Leben unterging.

Ja, sie hatte ein Problem. Ein ernstes. Es war zweiundvierzig Jahre alt und hieß Oliver. Oliver war Rechtsanwalt und auch sonst hatte er in seinem Leben noch keinen geraden Satz hervor gebracht. Susi und Oliver führten seit zwei Jahren so etwas wie eine offene Streitbeziehung. Der Anfang war im wahrsten Sinne des Wortes rosig, es gab keinen Abend, an dem Oliver seine Angebetete nicht mit roten Rosen bedeckte und ihr auf Knien für ihr Dasein dankte. Nach drei Monaten blieben die Rosen aus und die Streitereien fingen an. Oliver war krankhaft eifersüchtig. Auf so ziemlich alles. Vor allen Dingen auf FrauvonWelt. Das ging so weit, dass er durchdrehte, wenn Susi mit FrauvonWelt telefonierte und ihr Sachen erzählte, die er nicht wusste oder erst als Zweiter zu hören bekam. Wenn es nach ihm ging, und das ging es seiner Meinung nach immer, sollte Susi überhaupt nur noch mit ihm reden. FrauvonWelt machte irgendwann den Vorschlag, Susi solle ihn doch mal einen ganzen Tag lang mit Frauenthemen zuquatschen, mal sehen, ob er dann immer noch Erster sein wolle.

Susi und FrauvonWelt sammelten also eine komplette Bibliothek an Fachwissen über Slipeinlagen, Menstruationsbeschwerden, Absatzhöhen in Hollywood, Strickbikinis, Schwangerschaften bei den Royals, Eigentumswohnungen in Paris, Promi-Hochzeiten und Diätpläne. Kurzum, Susi quasselte los. Den ganzen Unrat an Buchstaben kippte sie in seine Ohren, mehr noch, sie stocherte noch nach, quetschte alles hinein, was ein Mann nie und nimmer über Frauen und ihre hochheiligen Angelegenheiten wissen möchte. Doch Oliver war glücklich. Ganz Anwalt ging er auf alles, was Susi ihm vorlog, wohlwollend ein, nahm seine Susi in die Arme und hätte ihr wohl auch versprochen, mit ihr am nächsten Tag Slipeinlagen einzukaufen, wenn Susi ihm nicht stolz den Inhalt einer Drogeriemarkttüte gezeigt hätte, natürlich nicht ohne zu versäumen, ihm die Details von Cellulitis und Blondierer zu offenbaren. Es half nichts, Oliver wollte Erster sein und Einziger. Er konnte nicht verstehen, warum Susi noch eine beste Freundin braucht, zudem noch eine, die ihn nicht ausstehen konnte, alles besser wusste und mit Susi dorthin ging, wo andere Männer waren.

Susi hingegen stand fest zu ihrer Freundin, allerdings auch zu Oliver, was FrauvonWelt wiederum gar nicht verstehen konnte. „Schick ihn endlich in die Wüste, diesen Obertrottel.“ Was Susi aber nicht tat. Warum sie es nicht tat, wird für FrauvonWelt wohl ein ewiges Geheimnis bleiben. Okay, er sah gut aus, verdiente aus unerklärlichen Gründen mit dem Beruf, den er gar nicht konnte, auch noch viel Geld und er war mit einigen Ausnahmen auch durchaus charmant. Irgendwann sagte Susi einmal, er wäre ein super Ersatzpapa für Bastian. Der zweijährige Rotzlöffel war zugegeben nicht gerade ein einfaches Kind. Aber einfache Kinder gibt es heute sowieso nicht mehr. Kurzum, für FrauvonWelt gab es keinen Grund für so einen Mann. Keinen.

….

Oder wird sie jetzt einen erfahren? Wird Susi ihre Entscheidung rückgängig machen? Werden Susis Tränen trocknen. Und: Hat FrauvonWelt jetzt noch Eier im Haus?

….

Worte zentnerschwer

FrauvonWelt wollte eigentlich schon schlafen gehen. Noch mal kurz einen Blick in den Briefkasten werfen. Da sind sie plötzlich, diese Worte, die mit jedem Mal lesen an Gewicht zulegen und tiefer und tiefer in die Magengrube sinken. Da liegen sie und rühren sich nicht. Zentnerschwer. “Ich finds doof, dass Du weg bist.” Mehr nicht. Nach Wochen die ersten Worte. Von Susi.

Die Nacht mit Schneck

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Fotos:Wilde Orchidee

Eine Nacht mit Schneck

„Susi? Willst Du den Film noch zuende gucken?“
„Nee, ich bin schon eingeschlafen.“
„Willste noch nen Tee?“
„Gute Idee. Haste auch noch was zu essen? Ich hab Hunger.“
FrauvonWelt schmiss die Fernbedienung ins Kissen und schlurfte in die Küche. Susi lag mit offenen Augen auf dem Sofa, eine Hand auf ihrem runden Bauch, die andere im Nacken zur Faust geballt. Warum…?
„Susi? Kekse oder Baumkuchen?“
„Beides.“
FrauvonWelt packte Teekanne und Tassen, Kekse und Baumkuchen auf das alte Silbertablett ihrer Oma, stellte es neben Susi auf den Tisch und sah die Tränen über Susis Wangen kullern.
„Oh nee, kriegst du jetzt wieder so einen sentimentalen Anfall?“
Susi versuchte ein wenig zu lachen: “Nein, war nur ein kurzer Anflug, ist schon vorbei.”
„Willst du mir eigentlich nicht mal erzählen, was damals passiert ist in der einen Nacht mit IHM?“ FrauvonWelt hatte schon so oft gedrängt, die Geschichte zu erfahren, doch Susi hatte immer geschwiegen.
„Ich kann das nicht erzählen, ich habe dafür keine Worte.“
„Versuch es. Sonst gibt es keine Kekse.“, droht FrauvonWelt.
„Ui, gleich die Höchststrafe?“
„Ja.“

Susi setzte sich auf und schwieg eine Weile. Dann fing sie an zu erzählen. Sie erzählte wie es damals war. In dieser einen Nacht in Berlin. Dieser einen Nacht mit Schneck.

„Du weißt, ich habe die Ria in Berlin besucht. Und sie hat mich am Abend mit auf diese Party im Würgeengel geschleppt. Der Geburtstag eines Freundes, wie sie meinte. Es waren sehr viele schrill gestylte Leute dort. Ich kam mir irgendwie vor wie das Mädchen vom Lande. Völlig fehl am Platz. Ria versuchte zwar mich mit den Leuten bekannt zu machen, aber ich war nicht in der Stimmung. Ich wollte eigentlich weg. Ich holte mir was zu trinken und setzte mich auf die Fensterbank. Das Fenster in meinem Rücken war kalt.
Dann sah ich ihn. Eine Gruppe von Leuten stand ganz in meiner Nähe und er war mittendrin. Was er erzählte konnte ich nicht verstehen, er gestikulierte wild mit den Armen, die Musik wurde lauter. Die ersten Mädels fingen an zu tanzen. Mein Glas war leer. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie schnell ich es ausgetrunken hatte. An der Bar ließ ich es wieder füllen. Als ich zurück wollte zu meinem Fensterplatz, saß er dort. Er winkte mir, zeigte, dass noch Platz für mich wäre. Aber ich wollte mich nicht so einfach neben ihn setzen. Da stand er auf und bot mir meinen Platz wieder an. Ich setzte mich und lächelte. Beim folgenden Blick in seine Augen spürte ich einen innerlichen Vulkanausbruch. Fieberstürme rasten durch meinen Körper. Schlagartig spürte ich den Alkohol und eine Hitze, wie ich sie noch nie gespürt hatte.
Ich sah nur noch diese Augen, diese endlos blauen Augen, in denen ich fast ertrank, alles andere verschwamm zu einem Nebelbild. Ganz dumpf hörte ich im Hintergrund strudelnde Hilfeschreie, plötzlich, als würden sie erhört, spürte ich seine Hand auf meinem Gesicht, ganz zart lag sie auf meiner Wange. Er zog mich zu sich, dann küsste er mich. So bin ich noch nie gerettet worden. Ich wusste noch nicht einmal wovor.
Ich versuchte nur kurz zu verstehen, was da mit mir passierte, dann war ich machtlos. Dieser Mann küsste als hätte er das Küssen erfunden. Meine Fußspitzen fingen an zu kribbeln, mein Körper zitterte, meine Hände schweißgebadet. Kurze Zeit später spürte ich den kalten Nachtwind im Gesicht. Ich glaubte, ich sei aus dem Fenster gefallen, alles fühlte sich an wie freier Fall, bis ich merkte, dass er mich in seinen Armen durch die Berliner Dunkelheit führte.
Die Kälte ließ meine Gedanken klarer werden. Ich versuchte zu sprechen, aber ich war zu keinem Wort fähig. Ich kannte diesen Mann nicht, ich hatte noch kein Wort mit ihm gesprochen, ich war in Berlin, ich wusste nicht wo, ich kannte mich nicht aus. Dennoch: Ich hatte nicht eine Sekunde Angst. Ich war mir so sicher: Ein Mann, der so küssen kann, kann nur Gutes tun.
Ich blickte zu ihm hinauf, seine Augen lächelten sanft und schon spürte ich wieder den Vulkan in mir. Er bog rechts in eine Seitenstraße, nach wenigen Metern blieb er stehen, zog einen Schlüssel aus der Tasche und mich in einen Hauseingang. Wir gingen durch ein Treppenhaus, das nur durch den Schein der Straßenlaterne erleuchtet wurde.
In seiner Wohnung standen überall Bilder. Es roch nach Zigaretten, Musik lief. Er muss sie angelassen haben. Er verschwand in die Küche, ich hörte Gläser klimpern. Ich setzte mich in den großen Sessel. Ich wollte etwas sagen, meine Stimme versagte. Ich bewegte den Mund. Stille Fast so als hätten Worte den Zauber dieser Stimmung zerstört. Sie verweigerten sich. Nur die Musik war zu hören.
Er kam mit zwei Gläsern zurück, stellte sie auf den Tisch. Dann kam er zu mir. Wieder diese magischen Augen. Seine Hand nahm meine Hand und zog mich aus dem Sessel wieder in seine Arme. Unsere Lippen suchten sich, fanden mehr.

Nie war Leidenschaft reiner und ehrlicher. Vielleicht waren es die Fremdheit, die Sprachlosigkeit und, dass nichts, gar nichts, zwischen uns stand. Er war für mich ein strahlend weißes Blatt Papier, das nicht beschrieben werden durfte. Eine Leinwand ohne Farbe. Es gibt Geschichten, die darf man nicht erzählen. Und es gibt Bilder, die darf man nicht malen. Er ist Maler. Er weiß das. Wir sprachen kein einziges Wort.

„Deswegen hast du nie von dieser Nacht erzählt?“, fragte FrauvonWelt, gebannt von Susis Erzählung.
„Ja, und ich bereue schon jetzt, dass ich es doch getan habe.“
„Habt ihr auch beim Abschied kein Wort gesprochen?“ wollte FrauvonWelt wissen.
„Nein, Ria ließ irgendwann mein Handy klingeln, davon wachte ich auf. Ich ging nicht ran. Ich war immer noch unfähig zu sprechen. Er schlief. Also zog ich mich an und verschwand. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich noch geblieben wäre. Aber ich hatte das Gefühl, es würde alles zerstören.“

„Und das Kind?“ FrauvonWelt schaute auf Susis Bauch.
„Das Kind wird hoffentlich sprechen können - so, und jetzt her mit dem Baumkuchen.“

Susi

28 Jahre alt, ledig, schwanger, blond.
Abinote 1,3. Der Vater Anwalt, die Mutter zu Hause. Wohnhaft in Frankfurt. Zwei jüngere Brüder, die endlos nerven.
„Du studierst Jura!“, hat der Vater irgendwann kategorisch festgelegt. Und Susi studierte Jura. Kurz. Dann packte sie die Koffer und ging. Weg von ihrem Vater, ihrer Mutter, ihren nervenden Brüdern. Eine WG in Wiesbaden fing sie auf. Chaos total. Keine Möbel, kein Geld, kein Job, nur diese endlos langen blonden Haare und den vielleicht knackigsten Hintern des Universums. Sie aber wollte es schaffen: Sie schnitt sich die Haare ab. Anschießend sah sie aus, wie alle Frauen aussehen, die sich innerhalb weniger Schockminuten emanzipieren.
Susi hatte ein Einsehen und ging zum nächstbesten Frisör. Der nächstbeste war aber auch zugleich der beste der Stadt. Clemens, der Frisör in hautengen Stretchhosen, wies sie auf ihren Platz und kümmerte sich rührend um das Häufen Elend, das nun vor ihm saß. „Das kriegen wir schon wieder hin.“, säuselte er ihrem Spiegelbild entgegen.
Eine Stunde später war sich Susi sicher, dass sie die Frau im Spiegel nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatte. „Wow, bin ich das?“
„Oui, madame, ganz neuer Look, bisschen asymmetrisch, aber sehr feminin. Gefällt es Ihnen?“ Clemens war ein Künstler.
„Gefallen? Das ist fantastisch.“ Susi wäre ihm vor Begeisterung fast um den Hals gefallen.

„CLEMENS? Kommst Du bitte mal?“ dröhnte es sichtlich genervt aus der hinteren Ecke des Salons.
„Ah, Madame du Monde, bin sofort bei dir, Schätzchen, muss eben noch kassieren.“ Clemens wandte sich Susi zu, wurde aber sofort wieder lautstark in die hintere Ecke gezogen.
„NEIN, Du kommst jetzt sofort, sonst brüll ich den Laden hier zu Schrott.“ FrauvonWelt war offensichtlich nicht in bester Laune.
„Sie entschuldigen mich kurz?“ warf Clemens in Susis Richtung und machte sich auf den Weg.
„Aber meine Liebe, was ist denn passiert?“, versuchte er zu beruhigen.
„Nichts ist passiert. Die Welt geht unter. Das heißt, ich! Guck dir das mal an.“ Während FrauvonWelt das sagte, zog sie mit beiden Händen ihre Haare an die Salondecke. Im satten Schwarz leuchteten verboten einige orangefarbene Strähnen.
„Das sieht fürchterlich aus. Du hast recht. Wer hat diese Strähnchen verbrochen?“ Clemens hatte sofort ein Einsehen. Jetzt noch einmal färben ging nicht. Dann hatte er die rettende Idee. Er winkte Susi zu sich heran.
Susi stolzierte erhobenen Hauptes durch den Salon in Richtung keifender Schnepfe. Die beiden Mädels schauten sich giftig an.
Clemens erkannte die Zickenkriegsgefahr sofort, zog Susi auf den Stuhl neben FrauvonWelt und sagte zu eben der: „Schau dir das an. Das machen wir mit dir auch!“
FrauvonWelts braune Rehaugen verwandelten sich in schwarze Stieraugen. „Was machen wir? Ich will nicht blond werden.“
Clemens holte tief Luft: „Okay Süße, pass auf, du wirst nicht blond, deine Farbe ist schwarz, aber schau dir den Schnitt an, der würde dir auch stehen, und dann hätten wir das Problem mit den Strähnen wenigstens halbwegs im Griff. Nächste Woche können wir dann die Farbe ändern.“
FrauvonWelt schaute Susi an. Susi schaute FrauvonWelt an. Es dauerte eine Weile, dann lächelte zumindest Susi.
„Dreh dich mal.“, forderte FrauvonWelt Susi auf.
Susi ließ den Stuhl einmal rotieren und legte anschließend das gleiche zuckersüße Lächeln auf wie zuvor.
FrauvonWelt musterte Susi von oben bis unten, betrachtete lange ihre Schuhe, überlegte und sagte dann: „Okay, wir machen das. Aber ich zahl keinen Pfennig.“
Clemens sank vor Erleichterung gen Boden. Die Freude, seine beste und auch wichtigste Kundin gerettet zu haben, ließ ihm die Knie weich werden.
„Dann zahl ich aber auch nichts!“, hatte Susi die Situation blitzschnell begriffen.
Clemens auch: „Mädels, ihr macht mich wahnsinnig.“
„Wieso?“ stießen Susi und FrauvonWelt unisono hervor.

Dieses WIESO war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Eine halbe Stunde später verließen die beiden Grazien mit den gleichen Frisuren, die eine blond, die andere schwarz mit noch orangefarbenen Strähnen, den Wiesbadener Starcoiffeur ohne einen Pfennig bezahlen zu müssen. Clemens hingegen hatte an diesem Abend eine Mitarbeiterin weniger und einige graue Haare mehr.

Abtauchen

Die Westfalen-Therme ist ein wunderbarer Ort zum Abtauchen. Warmes Wasser, überall Geblubbers, Sauna, heißes Wasserbett, Cocktailbar – wunderbar. Eine nette Butike, in der es traumhaft schöne mintfarbene Badeanzüge gibt. Beim Kauf von drei Stück gibt es einen rosa Wasserball gratis. Wer spielt mit?
Eines gilt es aber zu beachten: Wer schon mit leichten Halskratzen und leisem Unwohlsein das Terrain betritt, sollte sich nicht wundern, wenn er am nächsten Tag vollends abtauchen muss – im Bett. FrauvonWelts Kurztrip ins Pumpernickelland, um mal eben Mamas und Papas und Schwestern und Brüdern und Onkels und Tanten zu wünschen, was zu wünschen sich anschickt, endete mit einer kratzenden Angina, hämmernden Kopfschmerzen und totaler Bewegungsunfähigkeit.

Nun hockt sie also wieder daheim. Eingewickelt in fünf Strickjacken und drei Schals sieht man sie kaum. Ab und zu lüftet sie das Mündchen um am heißen Kamillentee zu nippen. Susi, Tini und Babsi waren schon da, um sich die letzten Stylingtipps für den Abend abzuholen, konnten sich aber über FrauvonWelts neuestem Wickellook nicht wirklich begeistern.

Was nun? Eine Silvesterparty im Wiesbadener Flagranty ohne FrauvonWelt war nicht denkbar. Susi, Tini und Babsi schauten wehmutsvoll auf ihre superschicken Kleider, die sie extra für diesen Abend gekauft hatten, dann stopften sie alles zurück in die Tüten, schmissen sie in die Ecke und waren sich einig: Wir bleiben hier! Besser noch: Wir machen Fondue!

Die drei wussten nur zu gut um den übervollen Kühlschrank, den die MetzgerstochtervonWelt nach einem Besuch im Pumpernickelland zu bieten hatte.
„Ich hol noch schnell ein paar Erdnüsse“, rief Babsi durch die Kamillenluft und flog durch die Haustür.
„Ich kauf noch schnell Champagner“, waren Tinis Abschiedsworte.
„Ich bleib bei dir“, stöhnte die hochschwangere Susi, die sichtlich erleichtert war, dass sie sich das Partygetummel heute Abend nicht antun musste.

FrauvonWelt, langgestreckt auf dem Sofa, bekam von all dem nichts mehr mit. Eingewickelt in eine Wolldecke war sie längst wieder abgetaucht. Ins mintfarbene Land ihrer Träume.

Ein Junge! Ein Mann!

Jetzt ist es unverkennbar: ein Junge! Susi wedelt freudestrahlend mit dem neuesten Ultraschallbildchen herum und hüpft durch FrauvonWelts Küche.
„Susi, zeig mal her! Hmm, jaha, nenee, ich kann nichts erkennen.“ FrauvonWelt dreht das Bild in alle Richtungen.
„Egal, ich auch nicht. Ich hab es ja von Anfang an gewusst.“, grinst Susi.
Am Anfang, meine Liebe, hast Du gar nichts gewusst. Wenn ich dich mal daran erinnern darf.“
„Ach, nun hör schon auf. Fang nicht schon wieder mit der Geschichte an.“
„Wieso? Die Geschichte ist doch schön.“

Susi lässt sich erschöpft in den rosa Plüschsessel fallen, dreht die Augen in Richtung Wölkchenhimmel und schwebt auf Wolke sieben davon. FrauvonWelts Worte „Denkst du oft an ihn?“ verhallen im Dampf des Wasserkochers. Sie gießt den Tee auf – Brennnesseltee. Und als ihr der zarte Duft in die Nase steigt, wird sie ein wenig nachdenklich: Wie das wohl ist, wenn man schwanger ist? Ob ich jemals Kinder haben werde? So eine richtige Familie? Mit Glück und Tannenbaum und Schulferien? Mit Haus und Hof und Familienauto vor der Haustür? Ein Mann fürs Leben? So für immer? Für den Rest des Lebens? Immer der selbe? Jeden Tag? Dreißig, vierzig, fünfzig oder gar sechzig Jahre. Nur ein Mann? Bis das der Tod uns scheidet?

„… Krankenwagen bestellen!“
„Was, was ist los?“ ruft FrauvonWelt sich hastig nach Susi umdrehend.
„Wenn Du nicht langsam mal den Tee…“
„Geht es Dir gut? Alles in Ordnung mit dir?“
„Jaha, alles in Ordnung. Bis auf den Tee. Den hätte ich jetzt gerne.“
„Ja, der Tee.“ FrauvonWelt lächelt entspannt, stellt die Kanne auf den Tisch und legt sanft eine Hand auf Susis Bauch. „Jag mir doch nicht so einen Schrecken ein. Ich hab schon gedacht…“
„Dass du gedacht hast, hab ich gesehen. An was hast du denn gedacht?“, will Susi wissen.
„Ach, weißt du, manchmal…“, mehr brachte FrauvonWelt jetzt nicht hervor.
„Ja, ich weiß schon.“, sagte Susi und wischte ihrer besten Freundin eine Träne von der Wange. „Ja, ich weiß.“

FrauvonWelt telefoniert mit SusiTiniBabsi

Erdge und Ettore, Schoss’n’Schmitz – die Unglaublichen zwei – Weltpremiere fast in Wiesbaden. Da ist FrauvonWelt natürlich dabei. Ist ja quasi vor der Haustür. Sofort ruft sie Tini, Susi und Babsi an.

FvW: Tini, Susi, Babsi, kommt ihr mit?
TSB: Wohin?
FvW: Erdge und Ettore lesen in Ginsheim. Zum ersten Mal. Vielleicht auch zu letzten. Wer weiß das schon. Genialität soll ja mitunter tödlich sein. Kostet keinen Eintritt.
TSB: Schreibst Du n neuen Krimi?
FvW: Quatscht nicht rum. Also, was ist? Seid ihr dabei?
TSB: Wo ist denn das? Wer kommt da noch hin? Was gibt es da zu trinken? Was müssen wir anziehen? Wer fährt? Gibt es auch Nüsschen?
FvW: Also Mädels, das ist quasi gleich um die Ecke: in Ginsheim. Ihr bretzelt euch auf wie’s die Welt noch nicht gesehen hat. Ich bestelle Schampus. Der liebe Bruce Weaver bringt Nüsschen mit. Und wenn es sein muss, dann fahr ich auch. Aber nur hin.
Susi: Was soll ich denn anziehen? Mit diesem dicken Bauch.
FvW: Jetzt hör auf zu jammern. Du bist die hübscheste Schwangere des Universums. Ganz egal, was du anziehst.
Susi: Kommt Schneck auch?
FvW: Ja!
Susi: Das halt ich nicht aus. Da fall ich vom Stuhl. Das ist nicht gut für’s Kind.
FvW: In der Tat. Er wird dich schon auffangen, dein Schneck. Da bin ich sicher. Hast du bis dahin die Socken fertig?
Susi: Ach du Scheiße, die Socken.
Babsi: Wann gehen wir Shoppen, Mädels?
FvW: Am besten gleich morgen früh. 10 Uhr Treffen im Havanna, schneller Espresso und dann ziehen wir los.
TSB: Okay, morgen früh um 10 im Havanna.
Susi: Nein, da kann ich nicht. Hab ‘nen Termin mit meiner Hebamme.
FvW: Suuuusi? Willst du morgen dein Kind kriegen?
Susi: Nein.
FvW: Also, dann kannst du. Wir sehen uns um 10.
Susi: Okay.