Die Nacht mit Schneck

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Fotos:Wilde Orchidee

Eine Nacht mit Schneck

„Susi? Willst Du den Film noch zuende gucken?“
„Nee, ich bin schon eingeschlafen.“
„Willste noch nen Tee?“
„Gute Idee. Haste auch noch was zu essen? Ich hab Hunger.“
FrauvonWelt schmiss die Fernbedienung ins Kissen und schlurfte in die Küche. Susi lag mit offenen Augen auf dem Sofa, eine Hand auf ihrem runden Bauch, die andere im Nacken zur Faust geballt. Warum…?
„Susi? Kekse oder Baumkuchen?“
„Beides.“
FrauvonWelt packte Teekanne und Tassen, Kekse und Baumkuchen auf das alte Silbertablett ihrer Oma, stellte es neben Susi auf den Tisch und sah die Tränen über Susis Wangen kullern.
„Oh nee, kriegst du jetzt wieder so einen sentimentalen Anfall?“
Susi versuchte ein wenig zu lachen: “Nein, war nur ein kurzer Anflug, ist schon vorbei.”
„Willst du mir eigentlich nicht mal erzählen, was damals passiert ist in der einen Nacht mit IHM?“ FrauvonWelt hatte schon so oft gedrängt, die Geschichte zu erfahren, doch Susi hatte immer geschwiegen.
„Ich kann das nicht erzählen, ich habe dafür keine Worte.“
„Versuch es. Sonst gibt es keine Kekse.“, droht FrauvonWelt.
„Ui, gleich die Höchststrafe?“
„Ja.“

Susi setzte sich auf und schwieg eine Weile. Dann fing sie an zu erzählen. Sie erzählte wie es damals war. In dieser einen Nacht in Berlin. Dieser einen Nacht mit Schneck.

„Du weißt, ich habe die Ria in Berlin besucht. Und sie hat mich am Abend mit auf diese Party im Würgeengel geschleppt. Der Geburtstag eines Freundes, wie sie meinte. Es waren sehr viele schrill gestylte Leute dort. Ich kam mir irgendwie vor wie das Mädchen vom Lande. Völlig fehl am Platz. Ria versuchte zwar mich mit den Leuten bekannt zu machen, aber ich war nicht in der Stimmung. Ich wollte eigentlich weg. Ich holte mir was zu trinken und setzte mich auf die Fensterbank. Das Fenster in meinem Rücken war kalt.
Dann sah ich ihn. Eine Gruppe von Leuten stand ganz in meiner Nähe und er war mittendrin. Was er erzählte konnte ich nicht verstehen, er gestikulierte wild mit den Armen, die Musik wurde lauter. Die ersten Mädels fingen an zu tanzen. Mein Glas war leer. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie schnell ich es ausgetrunken hatte. An der Bar ließ ich es wieder füllen. Als ich zurück wollte zu meinem Fensterplatz, saß er dort. Er winkte mir, zeigte, dass noch Platz für mich wäre. Aber ich wollte mich nicht so einfach neben ihn setzen. Da stand er auf und bot mir meinen Platz wieder an. Ich setzte mich und lächelte. Beim folgenden Blick in seine Augen spürte ich einen innerlichen Vulkanausbruch. Fieberstürme rasten durch meinen Körper. Schlagartig spürte ich den Alkohol und eine Hitze, wie ich sie noch nie gespürt hatte.
Ich sah nur noch diese Augen, diese endlos blauen Augen, in denen ich fast ertrank, alles andere verschwamm zu einem Nebelbild. Ganz dumpf hörte ich im Hintergrund strudelnde Hilfeschreie, plötzlich, als würden sie erhört, spürte ich seine Hand auf meinem Gesicht, ganz zart lag sie auf meiner Wange. Er zog mich zu sich, dann küsste er mich. So bin ich noch nie gerettet worden. Ich wusste noch nicht einmal wovor.
Ich versuchte nur kurz zu verstehen, was da mit mir passierte, dann war ich machtlos. Dieser Mann küsste als hätte er das Küssen erfunden. Meine Fußspitzen fingen an zu kribbeln, mein Körper zitterte, meine Hände schweißgebadet. Kurze Zeit später spürte ich den kalten Nachtwind im Gesicht. Ich glaubte, ich sei aus dem Fenster gefallen, alles fühlte sich an wie freier Fall, bis ich merkte, dass er mich in seinen Armen durch die Berliner Dunkelheit führte.
Die Kälte ließ meine Gedanken klarer werden. Ich versuchte zu sprechen, aber ich war zu keinem Wort fähig. Ich kannte diesen Mann nicht, ich hatte noch kein Wort mit ihm gesprochen, ich war in Berlin, ich wusste nicht wo, ich kannte mich nicht aus. Dennoch: Ich hatte nicht eine Sekunde Angst. Ich war mir so sicher: Ein Mann, der so küssen kann, kann nur Gutes tun.
Ich blickte zu ihm hinauf, seine Augen lächelten sanft und schon spürte ich wieder den Vulkan in mir. Er bog rechts in eine Seitenstraße, nach wenigen Metern blieb er stehen, zog einen Schlüssel aus der Tasche und mich in einen Hauseingang. Wir gingen durch ein Treppenhaus, das nur durch den Schein der Straßenlaterne erleuchtet wurde.
In seiner Wohnung standen überall Bilder. Es roch nach Zigaretten, Musik lief. Er muss sie angelassen haben. Er verschwand in die Küche, ich hörte Gläser klimpern. Ich setzte mich in den großen Sessel. Ich wollte etwas sagen, meine Stimme versagte. Ich bewegte den Mund. Stille Fast so als hätten Worte den Zauber dieser Stimmung zerstört. Sie verweigerten sich. Nur die Musik war zu hören.
Er kam mit zwei Gläsern zurück, stellte sie auf den Tisch. Dann kam er zu mir. Wieder diese magischen Augen. Seine Hand nahm meine Hand und zog mich aus dem Sessel wieder in seine Arme. Unsere Lippen suchten sich, fanden mehr.

Nie war Leidenschaft reiner und ehrlicher. Vielleicht waren es die Fremdheit, die Sprachlosigkeit und, dass nichts, gar nichts, zwischen uns stand. Er war für mich ein strahlend weißes Blatt Papier, das nicht beschrieben werden durfte. Eine Leinwand ohne Farbe. Es gibt Geschichten, die darf man nicht erzählen. Und es gibt Bilder, die darf man nicht malen. Er ist Maler. Er weiß das. Wir sprachen kein einziges Wort.

„Deswegen hast du nie von dieser Nacht erzählt?“, fragte FrauvonWelt, gebannt von Susis Erzählung.
„Ja, und ich bereue schon jetzt, dass ich es doch getan habe.“
„Habt ihr auch beim Abschied kein Wort gesprochen?“ wollte FrauvonWelt wissen.
„Nein, Ria ließ irgendwann mein Handy klingeln, davon wachte ich auf. Ich ging nicht ran. Ich war immer noch unfähig zu sprechen. Er schlief. Also zog ich mich an und verschwand. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich noch geblieben wäre. Aber ich hatte das Gefühl, es würde alles zerstören.“

„Und das Kind?“ FrauvonWelt schaute auf Susis Bauch.
„Das Kind wird hoffentlich sprechen können – so, und jetzt her mit dem Baumkuchen.“

Dunkle Gestalten

Berlin also. FrauvonWelt und Susi haben die Metropole erreicht. Alles ist nass. Die Hauptstadt trieft. Kreuzbergs Straßen ein Grau. Die beiden stürzen in den Würgeengel, der zu dieser frühen Stunde erst spärlich besucht ist. Der Tisch rechts vom Tresen empfängt sie träge. Susi lässt sich auf einen Stuhl fallen. Hier hat er gesessen, erklärt sie wortkarg und wird im gleichen Moment totenbleich.
“Susi? Was ist los? He, Bedienung, kann ich mal schnell ein Glas Wasser haben?”
Die Bedienung kommt gerannt und bringt das rettende Elixier. “Hier, trink! Und du leg ihr die Füße hoch. Ja, ja, das kenn ich. Der Kreislauf. Schon nen Schwangerschaftstest gemacht, Kleine? Was habt ihr denn für ne Tour hinter euch. Du bist ja völlig fertig.”
FrauvonWelt findet ein paar erklärende Worte, von wegen langer Autofahrt und Wetterumschwung und so. Aber die Bedienung ist eindeutig nicht von gestern. Sie kennt die Menschen, die hier reinkommen. Ihre Augen schauen tief. All die Gesichter mit all den Geschichten dahinter, sie kennt sie.
Susi kommt wieder zurück ins Leben und braucht jetzt was zu essen. Der große Tapasteller macht sie wieder gesprächig. Sie winkt die Bedienung zu sich. Dann erzählt sie ihr die ganze Tragödie. Die muss erst einmal lachen.
Das ist nicht euer Ernst? Du hattest einen One-Night-Stand in Berlin und suchst nun diesen Typen. Ach, Herzchen, hast du ne Ahnung wie viele Typen es in Berlin gibt? Hast du ne Ahnung, was in den Nächten dieser Stadt passiert? Wie viele verlorene Seelen hier gezeugt werden? In dieser Stadt kannst du nichts gewinnen. Vergiss den Typen, der dir dieses Kind gemacht hat. Fahrt wieder nach Hause.”
Susi, die gerade die letzte getrocknete Tomate vertilgt hat, sieht die Dinge allerdings ganz anders: “Ich denke überhaupt nicht daran. Ich will den Vater meines Kindes finden. Und ich weiß, ich werde ihn finden. Ich werde diese ganze verdammte Scheißstadt nach ihm absuchen. Ich werde jeden einzelnen Scheißtypen auf der Straße anquatschen und ihn fragen, ob er einen Künstler aus Schöneberg kennt. Ich suche ihn übers Radio und von mir aus auch übers Fernsehen. Ich will ihn finden. Und wenn es das letzte ist, was ich tue.”

Die Bedienung legt beide Hände auf Susis Schultern und fleht Beruhigung herbei. “Setzt dich wieder hin, Mädchen. Und dann wiederhol mal, was du da eben gesagt hast. Künstler aus Schöneberg? Hab ich da richtig gehört?”
“Ja, in seiner Bude standen zig Bilder rum. Er musste eine Ausstellung vorbereiten oder so was. Er hat viel erzählt von…”
“Unser Schneckchen”, fällt ihr die Bedienung ins Wort, “du hast dir tatsächlich unser Schneckchen geangelt. Das glaub ich ja nicht.”
“Du kennst ihn?” Susi springt auf, wird aber sofort wieder von den freundlichen Händen auf ihren Stuhl gedrückt.
“Ja, ich kenne ihn. Den kennt hier inzwischen jeder. Umso erstaunlicher, dass er sich hier n Mädel aufreißt, aber nun gut, du bist nicht von hier, wahrscheinlich hat er gedacht, er sieht dich nie wieder. Er war schon seit drei Wochen nicht mehr hier. Wahrscheinlich die Arbeit. Er sagt, die Geschäfte laufen gut. Er steht wohl kurz vor dem großen Durchbruch. Na, da kann er so was jetzt super gebrauchen. Ach, Mädchen, und jetzt soll ich dir wohl sagen, wo er wohnt?” Sie zögert, steht auf, kommt mit einem Stapel Postkarten zurück. “Hier, die sind von ihm. Da steht auch seine Adresse drauf.”
Susi nimmt die Postkarten. “Danke, vielen Dank. Wenn er nichts von mir und dem Kind will, ist auch okay, damit werde ich klar kommen. Er soll es nur wissen. Ich will auch kein Geld von ihm,” Susi macht eine lange Pause, die Tränen stehen ihr in den Augen, “ich will eigentlich nur einen Vater für mein Kind.”

Dreizehn Minuten später stehen Susi und FrauvonWelt vor seiner Wohnungstür. Die Nacht ist dunkel, der Regen hat aufgehört und es liegt eine samtige Reinheit über der Stadt.
“Nun klingle schon!”
“Nein, ich trau mich nicht.”
“Los, mach schon, sonst klingle ich.”
“Nein, Finger weg, ich weiß doch gar nicht, was ich sagen soll.”
“Egal, das weißt du in zehn Minuten auch nicht. Lass es auf dich zukommen. Ich klingle jetzt.”
“NEIN, tu das nicht. Ich muss das machen.”
“Okay, dann los.”
“Ich trau mich nicht.”
“Gut, dann ich.”
“NEIIIIN!”
Die Tür geht auf.
“Kann ich euch beiden irgendwie helfen? Was soll denn bitte das Geschrei hier vor meiner… DU??!!…Was machst du denn hier? Meine Güte kommt rein.”
Susi macht ein paar Schritte nach vorn und im nächsten Augenblick liegen sich die beiden in den Armen und ihre Lippen kleben aneinander.
FrauvonWelt, der Überflüssigkeit anheim gegeben, zieht die Tür langsam zu und denkt sich, dann geh ich mir halt die Berliner Nacht mal alleine anschauen. Sie spaziert zum Bahnhof Südkreuz und weiß eigentlich gar nicht wohin, als plötzlich neben ihr eine riesige, bucklige Gestalt aus dem Dunkel auftaucht.