Abschied

Nun fliegst du davon in ein Land weit, weit entfernt. Seit der Sekunde, da dir Flügel wuchsen und du leise Lebwohl sagtest, male ich dir dieses Land. Es ist hell, es ist warm und es lacht. Überall stehen rosa Plüschsessel und überall gibt es Himbeereis. Ja, es ist mein Paradies. Ich wünsche es dir.

Aber deiner Frau, die ich hier in diesem kalten, verregneten Land, auf diesem kalten, verseuchten Planeten in den Armen halte, die sich an mich klammert mit den Worten “Es tut so weh, es tut so weh!”, der kann ich nichts geben, keine Worte, keine Taten, nichts. Es ist alles nichts. Weil alles nicht hilft, den Schmerz zu lindern. Worte fallen wie Steine in einen leeren Brunnen. Der Aufschlag hallt durch die Leere. Schmerzt. Nur schweigend erträgt man das bleierne Zeitenband. Die Zukunft eine schwarze Wand, die alles Lachen erstickt, alles Licht verschluckt. Es ist alles nichts. “Es tut so weh, es tut so weh!”

Wenn du die Plüschsessel anders stellen möchtest, dann bitte, es ist jetzt dein Land. Es ist alles warm, es ist alles hell, es gibt kein Leid und keine Schmerzen mehr. Du hast es geschafft, bist am Ziel deiner Reise. In einem Land weit, weit entfernt.

“Es tut so weh.”

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11 Responses to Abschied

  1. Für die Übriggebliebenen ist Tod ja leider wirklich oft entsetzlich scheiße – aber sonst…

    Und da bin ich mir sicher.

    Herzlich
    Ihr
    Eindwandfrei Schmitz

  2. Erdge Schoss says:

    Wie traurig, wie schön, liebe FrauvonWelt …

    Ihr Erdge Schoss

  3. Rainer says:

    Loslassen zu müssen, keine Wahl zu haben, ohnmächtig zu sein und dereinst selbst beweint zu werden, das sind Momente, die sich in das Gedächtnis einbrennen. Ist es nicht ein Ansporn so viele – wenn auch flüchtige – Spuren von Liebe zu hinterlassen, wie wir nur können?

  4. Man muß aufpassen bei solchen Themen im Blog.
    Sehr aufpassen.

    Schöne Woche, meine besonders liebe FrauvonWelt, und hüpfen Sie mal wieder zur Treppenmusik beim Schmitz, das lockert die Synaptik in der Forensik…

    GrinseGruss
    Ihr
    HighSpecialRegal Schmitz

  5. Sonnensohle says:

    Liebe FrauvonWelt, hier passen doch alle irgendwie auf Sie auf.

    Vielleicht kennen Sie den Briefwechsel zwischen Rainer Maria Rilke und Claire Goll (Ich sehne mich sehr nach deinen blauen Briefen.). Da gibt es eine Stelle, wo er ihr den Schmerz über einen verlorenen Menschen nehmen will. Das ist mit Abstand des Beste, Einfühlsamste und Tröstenste, was ich bisher gelesen habe. Vielleicht lesen sie das der Frau Ihres Freundes vor.

    herzlichst
    Ihre Sonnensohle

  6. frauvonwelt says:

    Mein lieber Ettore, ja, ist scheiße.

    Mein lieber Schossi, ja.

    Werter Rainer, ich kann keinen Ansporn für irgendwas empfinden. Der Tod lähmt.

    Synapsen, mein lieber Ettore, sind sowas von gelockert. Es könnte mit dem Grappa (genau dem!) zu tun haben.

    Liebe Sonnensohle, nein, kenne ich nicht. Gibt es das digital? Als podcast von Ihnen?

    Herzlich getröstet
    Ihre FrauvonWelt

  7. Sonnensohle says:

    Liebe FrauvonWelt, komme gerade vom Weihnachtsmarkt mit vielen lustigen Menschen. Der Glühwein tut sein übriges. Ich tippe es Ihnen ab. Zeile für Zeile. Wenn ich wieder kann.

    herzlichst
    Ihre Sonnensohle

  8. frauvonwelt says:

    Sie sind ein Schatz! Huch…

  9. Sonnensohle says:

    …ist schon okay
    ;-)

  10. Sonnensohle says:

    An Claire Goll nach Paris

    z. Zt.: Bern, Hôtel Bellevue,
    am 22. Oktober 1923

    Liliane,

    eh ich Dir dieses schreibe, zerriß ich einen vorgestern abend an Dich geschriebenen Brief; denn ich mag Dir nicht »Allgemeines« sagen, im Augenblick, da Du meinen Zuspruch verlangst, und doch, sag selbst, wie das Besondere finden, das genau für Dich Gültige, da ich doch nur so schlagwörtlich von der Art der Heimsuchung unterrichtet bin, die Dich prüft und auf harte Probe stellt.
    Siehst Du, ich meine, daß Du nun, da Dir zum ersten Mal zugemuthet wird, im Tode des unendlich Nächsten den Tod zu erleiden, den ganzen Tod, (irgendwie mehr als nur den Deinigen, möglichen ­), daß jetzt der Augenblick ist, da Du am Fähigsten bist, das reine Geheimnis wahrzunehmen, das, glaub es mir, nicht des Todes, sondern des Lebens ist.
    Jetzt heißt es, in einer unerhörten und unerschöpfbaren Großmuth des Schmerzes, den Tod, den ganzen Tod, da er durch ein Dir Theueres Dir greifbar geworden ist (und Du dadurch verwandt mit ihm), zum Leben hinzuzunehmen, als ein nicht mehr Abzulehnendes, nicht länger Verleugnetes. Reiß es an Dich, dieses Entsetzliche, spiele, solang Du¹s nicht leisten kannst, eine Vertraulichkeit zu ihm, schreck es nicht ab, indem Du vor ihm (wie alle anderen) erschrickst. Geh mit ihm um, oder, wenn das noch zuviel verlangt ist von Deiner Überwindung, halt wenigstens still, so daß es ganz nahe kommen kann, das immer verjagte Wesen des Todes, und sich Dir anschmiege. Denn dies ist, siehst Du, der Tod geworden bei uns, dies immer Verscheuchte, das sich nie mehr zu erkennen geben konnte. Wenn der Tod, im Augenblick da er uns kränkt und erschüttert, einen, den Geringsten von uns, vertraulich fände (und nicht voll Grauen), in was für Geständnissen ginge er ­ endlich ­ zu ihm über! Ein kleiner Moment nur des gut Gewilltseins zu ihm, eine kurze Unterdrückung des Vor-Urtheils, und schon hat er unendliche Anvertrauungen bereit, die unsere Ahnung überwältigten, ihn, in zitternder Abwartung, zu ertragen. Geduld, Liliane, nichts als das; Geduld.
    Eingeführt in¹s Ganze, eingeweiht, begehst Du das ernste Fest Deiner Selbständigwerdung. Genau um den Schutz, den Du nun verlorst und entbehrst, wirst Du selbst schutzgebender, schützender. Die Vereinsamung, die Dich überfiel, macht Dich fähig, ebensoviel Einsamkeit anderer ins Gleichgewicht zu heben. Und was Dein eigenes Schwersein angeht, bald wirst Du merken, es hat Deinem Dasein ein neues Maaß gesetzt, eine neue Maaßeinheit des Leistens und des Ertragens.
    Ich rathe, Liliane; ich will mehr nicht versuchen, als Dir nahe zu sein in diesen einfachen Worten. Später einmal wirst Du mir sagen, ob sie Dir haben rathen können, denn an Beistand und Trost reicht ja keiner heran, es sei denn durch Gnade.

    Rainer

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