Frühling

Tucholsky hat mir den Weg gewiesen. Jetzt lese ich wieder: Marquez. Nun gelangt nicht unbedingt jeder Tucholskyleser gleich zu Marquez, aber für mich ist der Weg zwingend. Ich las also den ganzen Tag scharfsinnigste Brillanz a la Tucholsky.

Neulich habe ich einen Hund gesehen – der ging ins Geschäft. Es war eine Art gestopfter Sofarolle, mit langen Felltroddeln als Behang, und er wackelte die Leipziger Straße zu Berlin herunter; ganz ernsthaft ging er da und sah nicht links noch rechts und beroch nichts, und etwas anderes tat er schon gar nicht. Er ging ganz zweifellos ins Geschäft.

Oder:

Nun legt der Leser das Buch still und freundlich aus der Hand und denkt einen Augenblick nach. Dann springt er wie ein gejagter Hirsch auf,…

… und greift zu Marquez. Schon bei „gestopfter Sofarolle“ war mir klar: Ich muss wieder Marquez lesen. Diese ganzen gestopften Sofarollen mit Felltroddeln, die bei Tucholsky rumrennen, die halte ich nicht länger aus. Ich brauche ja nur das Haus verlassen und sehe sie, die Sofarollen, überall rollen sie rum, egal, wo ich hingucke. Aber die müssen ja nicht auch noch im meiner Lektüre rumkugeln. Außerdem will ich ja auch nicht nachdenken. Nein, das geht nicht. Ich lese doch nicht, weil ich wissen will, wie es draußen vor meiner Türe aussieht. Ich bin doch ein weibliches Wesen, jawollja. Ich lese doch, weil ich wissen will, wie es in mir aussehen könnte, wenn ich so leben würde können, wie ich gerne würde dürfen. Flucht vor den Sofarollen. That’s it. Nun also Marquez.

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10 Responses to Frühling

  1. Melly says:

    Ich lese doch nicht, weil ich wissen will, wie es draußen vor meiner Türe aussieht. Ich bin doch ein weibliches Wesen, jawollja. Ich lese doch, weil ich wissen will, wie es in mir aussehen könnte, wenn ich so leben würde können, wie ich gerne würde dürfen.

    *schaut auf ihr Bücherregal*

    Wie wahr, liebe Frau von welt, wie wahr…

    Da kann ich nur zustimmen – auch ich lese nicht, um mich der Realität der Welt zu stellen. Ich lese, weil man der Realitä damit so eunderbar entfliehen kann, zumindest für eine Weile

  2. aebby says:

    > Ich lese doch, weil ich wissen will,
    > wie es in mir aussehen könnte,
    > wenn ich so leben würde können,
    > wie ich gerne würde dürfen.

    ein sehr guter Satz, nicht nur für Frauen gültig.

  3. Cara says:

    Das Tempo, vorauseilendste FrauvonWelt, das Tempo, das Sie hier vorlegen – mir ist es fast zu schnell.

    Im Augenblick gerne verweilend
    grüsst herzlichst

    Ihre Cara

  4. frauvonwelt says:

    Ja, liebe Melly,
    bei der ganzen Flüchterei muss man nur aufpassen, dass man selbst nicht zur Sofarolle wird. Mitunter ist da ein Blick nach draußen (oder auf Tucholsky) ganz heilsam.

    Was, werter Herr aebby,
    lesen Sie, damit Sie wissen, wie es in Ihnen aussehen könnte, wenn Sie so leben würden können, wie Sie gerne würden dürfen. (Meine Güte, ist der Satz von mir?)?

    Tja, liebe Cara,
    so bin ich. Erst trete ich ewige Zeiten auf der Stelle und dann bin ich mal wieder zu schnell für’s Leben. Aber das dann ziemlich kontinuierlich.

    Den Augenblick suchend
    Ihre FrauvonWelt

  5. Sabine says:

    Ist Marquez nicht diese deutsche Gruppe, die auf Latinos macht und deren Lieder sich alle identisch anhören?

    Ich bin schon sehr auf die Blütezeit gespannt…

  6. aebby says:

    ja, Lesen ist manchmal wie ein irrealer Spiegelsaal … aus den Bildern, die aus den Geschichten hervorgehen, entstehen alternative Identitäten

    heute leider Grüße aus der realen Welt, aebby

  7. Pingback: erdgeschossrechts

  8. schneck06 says:

    ob innere fettrollen, liebe frau frauvonwelt, oder die äußeren derselben, eines ist doch klar: weder stierkampf noch kakerlakenrennen, die können’s nicht sein. man braucht eben ein großes regal.

  9. Westpfalz-Johnny says:

    Frühling, liebe FrauvonWelt, ist vorbei!
    Aber Flucht von der Sofarolle – DAS könnten Sie mal bei Nuehm’s anregen! Unbedingt! Wie soll ich denn den Sommer ohne Skills, Styles und Props aus Aachen überstehen?

  10. frauvonwelt says:

    Genau, liebe Sabine,
    ungefähr so:
    [youtube RjPhX-TGXAk&hl=en]

    Ach, bester aebby,
    aber alternativ sind die auch immer nur scheinbar, nicht wirklich. Grüße aus der realen Welt sind mir zudem immer noch die liebsten. Da weiß man, was man hat.

    Ja, bester Herr Schneck,
    äußerlich hat man es ja meist, das Regal, die Speckrollen auch, aber innerlich bleiben so manche Regalböden leer. Da wischt auch keiner mehr Staub.

    Bester Westpfalz-Johnny,
    lernen Sie doch die wunderbaren Texte der Anna Nühm auswendig. Genug Köstlichkeiten hat sie ja hinterlassen. Zudem bin ich mir sicher, ist sie spätestens in vier Wochen wieder da. Nein, ich wette nicht!

    Herzlichen Start ins Wochenende wünscht
    Ihre FrauvonWelt

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